Archiv für August 2008

On travaille avec millicentimètres

Dienstag, 12. August 2008

Am Samstag, meinem Abreisetag, da wollte ich nochmals auf den Markt, die letzten Dinge einkaufen. Doch das gelang nicht wirklich. Zu viele Sachen lenkten meine Augen und mein Denken immer wieder ab. Zum Glück lag unsere Mahlzeit schon weit zurück, den die hätte ich wohl auf diesem Markt unerwartet und antiperistaltisch auf die Strasse serviert. Ausgenommene Fische, Eingeweide herumliegend, halbe Tierkadaver neben Stoffen und Tomaten, tausende von Fliegen und andere Insekten in schwarz und ohne Flügel, tiefschwarzes Öl wird für irgendwelche Proteinstücke (Fisch oder Fleisch) angeheizt, ich glaube sogar das Giftzentrum würde dieses Öl nur noch mit Maske und Handschuhen annehmen. Eine Frau wedelt wie verrückt über schwer angeschlagene Äpfel, keine Apfel-Mosterei würde die jemals annehmen, doch die Frau wehrt ganz gezielt alle Fliegen mit ihrem Fächer ab, wie wenn sie ein Baby vor Ungeziefer schützen möchte. Den sauren Geruch erkenne ich fünf Meter gegen den Wind. Elli ist einfach begeistert von jedem Gewürzstand und jedem Stoffladen. Überall steckt sie ihre Nase rein und „chrömelet“. Sophie nimmt eher alles gelassen, jedenfalls ist sie diejenige, die zusammen mit Alpha ständig auf uns warten muss.

Nachdem wir verblasste Satinbänder und getrocknete Kalebassen gesichtet hatten, kamen wir auch zu einem Platz, der offensichtlich nur für Schneider gedacht war. Etwa sechs Schneider sassen da an ihren Nähmaschinen kreuz und quer und wir staunten nicht schlecht, was da alles verarbeitet wurde. Für Elli und Sophie vermutlich ein wirklich grausliger Anblick, denn die beiden kennen nun wirklich nur genaues Arbeiten und auf den Millimeter genau auf Mass. Natürlich. Sonst wären sie ja keine Profis. Die Klasse wird sich schon noch wahnsinnig verändern müssen, um annähernd an diese Ansprüche zu gelangen. Jetzt haben sie noch vier Wochen Zeit. Einen Minischritt haben die 13 Teilnehmer ja mal mit mir machen können. Doch irgendwie hapert es am Umsetzen. Zum Beispiel: Ich gab eine Bestellung bei Kader und Ablaye auf, meine vier Männer sollten ein Hemd bekommen. Als ich die angnähten Knöpfe inspizierte, stellte ich fest, dass sie noch in alter Manier ohne Faden-Hals und ohne Umschlingen des Knopfhalses die Knöpfe angenäht hatten. Der Kragen in irgendeinem verrückten Fadenlauf und die Verarbeitung… es ist gut haben das die beiden Frauen nicht gesehen. Hatte ich der Klasse doch haargenau erklärt und live gezeigt, wie ein Knopf anzunähen sei. Erklären und zeigen reicht eben nicht. Sie hätten es auch gleich tun müssen. Und ich hätte dann nicht locker lassen dürfen, bis sie es einmal richtig machen. Uuuuhhh, das braucht soviel Zeit.
Nun standen wir eben vor diesen Schneidern und wie üblich, versuche ich ein Gespräch in Gang zu bringen. Da stellte sich heraus, dass der eine mit Alphas Schwester einmal in die Schule ging und er selbst schon mal eine Formation, eine Ausbildung bei einer Weissen gemacht habe. Und die arbeiten mit Millicentimetern, das habe ihm nicht so gefallen, ein Zentimeter reiche auch. … Millizentimeter ! Ein freudscher Versprecher? Mir wurde erneut klar, wie schwer es ihnen fallen wird, von der Wandtafelkreide zur Schneiderkreide zu mutieren und im Massstab 1:3 einen Schnitt zu zeichnen. Das ist wirklich eine neue Welt. Wie lange das wohl geht, bis sie das auch machen wollen. Bisher waren Millionen von afrikanischen, malischen Frauen zufrieden mit den schönen afrikanischen Kleidern. Die sind oft sehr eng geschnitten, und sitzen tun sie auch. Da kommen drei so weisse Bräute aus Europa und meinen, es müsse nun ganz anders gearbeitet werden. Mit Papier und spitzem Stift, Kleber und guten Scheren, Qualitätsfaden und geraden Massstäben, intakten Nähnadeln und Bügeleisen mit Strom, mit Kopierrädchen die es hier nicht gibt und Kreidepapier, das auch nicht grad so auf dem Markt zu bekommen ist. Mit Abnähern die 1,25 cm tief sein können. Wo sie vorher einfach das Massband halbierten, verlangen wir mathematische Rechnungen. Das ist doch schon eine wahnsinnige Umstellung. Und dann muss alles noch markiert und nochmals gebügelt werden… Eine solche Metamorphose braucht einfach Zeit und Aha-Erlebnisse. So hoffe ich, dass Elli und Sophie dies in wohliger Geduld rüberbringen können. Das ist die Kunst an und für sich. Das genaue Schneidern wächst erst danach mit und braucht seine Zeit. Wie gesagt: In 4 Wochen eine 3jährige Lehre zu absolvieren ist nicht möglich.

Was er, der Schneider auf dem Markt denn von diesem Kurs umsetzen konnte, fragte Elli und die Antwort: “Genauer arbeiten.” Nun, kontrollieren konnte wir das nicht vollends, denn unsere Augen sahen schon von Weitem, dass die eine Kante des Reissverschlusses sicher 1cm länger war als die andere Seite des Reissverschlusses. Wie unschön.

Dann durften wir doch noch einen grossen Supermarkt sehen. Das war dann das Paradies für Sophie. Und auch für Elli. Wir konnten uns nun ein Bild machen, was alles zu bekommen war. Und dieser Supermarkt war nicht mal weit von uns zu Hause weg. Wenn das die Sophie nicht bemerkt hätte, ich wüsste es bis heute noch nicht. Für mich sieht jede Ecke irgenwie gleich aus und mein Orientierungsvermögen liegt offensichtlich auf einem sehr tiefen Niveau. Zum Glück ist immer jemand da, der einen ergänzt. Leider gab es dort nur Büchsenfood. Und es ist weder Tee noch Kaffee da, die Sophies Gelüste abdecken könnten. Tja Afrika hat anderes zu bieten.

Fotos, wie gesagt, das ist nicht so einfach, die Leute mögens gar nicht. Früher kamen die Weissen, machten Fotos von ihnen und die wurden dadurch sehr reich. Ob sie deswegen teilweise heute noch glauben, ihre Seele werde weggeblitzt?

Eine Kuh für einen Toten und Wäsche am Hof

Dienstag, 12. August 2008

Eine Kuh wird am offenen Strassenrand geschlachtet. Gerade wurde der Kopf abgehackt. Es ist 23.30h, wir sind gerade vom Kakerlakenerlebnis zurück und ich kann das Hacken des Beils in die Kuh bis in mein Zimmer immer noch hören. Alpha erklärt dazu folgendes: In dieser Familie sei jemand gestorben, dieser Person zu Ehren werde eine Kuh geschlachtet und das Fleisch an die Nachbarn und Bekannten und Verwandten verteilt. Am dritten Tag nach dem Tod, am 7. Tag und noch einmal nach 14 Tagen. Wie das Fleisch aufbewahrt wird? Das habe ich mich nicht gefragt. Der Afrikaner hat für alles eine Lösung, die allen mundet und noch niemand ist daran erkrankt. Ich glaub ich muss nochmals nach Afrika, um alles genauer zu erfahren. Vielleicht weiss es jemand doch noch besser als ich.

Daneben sassen in gewohnter Manier etwa 20 Leute vor einem winzigen Fernseher. Überall wo es ein TV-Gerät steht sitzen oder stehen viele viele Menschen davor. So werden oft die Trottoirs, sofern vorhanden verstopft. Die Veston-Männer, die nun auch zu meinem täglichen Begrüssungsritual gehören sitzen immer noch 20 Meter weiter oben und sind immer noch am Schnorren. Möchte ja zu gerne wissen, was diese Männer in Flip-Flop, Kravatte und Veston einander zu erzählen haben. Einer mit Hitlerschnauz, der flirtete immer gewaltig mit mir. Wir haben jeden Tag ein Rendez-vous abgemacht: Heute Abend um 25.00h!

Die Frauen machen das irgendwie anders. Sie sind im Innenhof. Entweder am Färben oder Spinnen oder Kochen oder Wasser holen. Oder ebenfalls vor dem Fernseher. Wenn bei Madame Oury der Fernseher mal nicht läuft und das Handy nicht alle 10 Minuten schellt, dann empfängt sie Freundinnen in ihrem Schlafzimmer. Man setzt sich einfach im Schneidersitz oder liegen zu ihr aufs Bett und dann wird geschnorrt oder sogar auch geschnarcht. Madame Oury macht nicht viel Bewegung am Tag. Ich frage mich, wie diese Dame so schlank bleiben konnte. Sie wechselt ihren Liegeplatz von draussen nach drinnen etwa 3 mal pro Tag und sonst geht sie mal schauen, was in den Kochtöpfen brutzelt oder sie weist die Domestiken an, die Wäsche abzunehmen.
Ich habe gelernt die Wäsche in jedem Fall in umgedrehten Zustand abzugeben. Mit leidvollem Gesicht musste ich an meinem weissen Jupe Rostflecken von der Leine in Kauf nehmen. Die liessen sich auch nach mehrmaligem Rubbeln mit Schweizer Waschmittel nicht entfernen. Spannend ist und bleibt dann doch, wie die Wäsche auch noch abgenommen oder transportiert werden könnte.

Die Kakerlake in Ellis Menü

Montag, 11. August 2008

Wieder mal fand ich, müssten wir auswärts essen gehen. Dass Essen am Hof ist zwar in Ordnung, doch für mich als freiwillige Vegetarierin eher karg. Von Gemüse wird nicht allzuviel gehalten. Und da Sophie noch nie im Ausgang war, konnten wir dieser Idee nichts entgegensetzen. Wir warteten also bis 20.00. Alpha würde uns abholen. Endlich kam er und leider, genau zu dieser Zeit war Sophie eingeschlafen. Madame Oury erfuhr dadurch erst nach unserer Rückkehr um 23.30 vom Fehlen Sophies. Sie war ernsthaft besorgt und schimpfte fast, dass hier im Hof jemand ohne Abendessen schlafen gegangen ist. Nun aber zu unserem Ausflug.
Alpha hatte sich ein openair-Restaurant ohne Weisshäute ausgewählt. Wir setzten uns an die eher sehr schlichten Plastiktische. Der Service-Boy hatte so keine Ahnung von der Menükarte, ich glaube er hat gestern noch als Pneuverkäufer gearbeitet. Er musste viermal telefonieren, um unsere banalen Fragen beantworten zu können. Die Menükarte war vermutlich schon fünf Jahre alt, so abgegriffen, dass man die Buchstaben fast erfinden musste. Mit einem tiefen Seufzer klappte dann die Bestellung und alle schienen zufrieden. Erst jetzt nahmen wir die ohrenbetäubenden Geräusche von der Strasse her wahr. Es war kein Lastwagen sondern ein Stromerzeuger und wir mussten uns entscheiden, ob wir weiterhin mit diesem Lärm essen wollten und uns anschweigen wollten oder ob wir nicht doch lieber drinnen essen wollten. Entscheid: drin. Und drin, da war alles ganz anders. Lounge-artig die Aussstaffierung mit rotem Samt, tiefe Salontische und viele Leute, die an ihren Cocktails nippten oder etwas Kleines assen. Als wir uns setzen musste ich mir versprechen, dieses Interieur auf keinen Fall bei Tageslicht zu betrachten. Die dunklen Kreise in Polstern und Boden deuteten auf ziemlichen Zigarettenverschleiss hin. Ziemlich bald kam unser Essen und das war eine Riesenüberraschung. Ich hatte ohne wirklich es zu wissen Fischspiesse bestellt. Capitaine. Ich wusste damals noch nicht um den Namen dieses Fisches. Leute, ich sag es euch: Das war oberste Klasse, total feine Pommes dazu. Alpha hatte dasselbe wie ich bestellt jedoch mit Erbsen. Wir machten mit unseren Beilagen Halbehalbe. Elli hatte ein toll aussehendes Huhn im Teller, ebenfalls mit Pommes. Irgendwann schubste sie mich ganz leise und deutete diskret und ohne die Lippen zu bewegen auf ein kleines Tier im Teller. Solche kenne ich von zu Hause, oft krabbeln sie aus unseren Holzstapeln heraus. So rotbraune flache, wohl sechsbeinige Viecher. Um nicht viel Aufsehen zu erregen und uns selbst in unserer Aufregung in Zaum zu halten, schubste Elli den ungeliebten Besucher mit der Gabel weg. Doch leider sprang das Tier dadurch in Ellis Tasche.- Nun verlor sie dann doch die Fassung und Alpha konnte nun deutlich wahrnehmen, dass irgendwas nicht stimmte. Wie ein Bodygard kümmerte er sich um Ellis Tasche. Aber das Tier wurde bis heute nicht mehr gefunden.


In diesem speziellen Ambiance erlebten wir zugleich, wie sich eine Live-Musik-Gruppe aufstellte. Das ging gar nicht allzu lang bis der Leader mit seinem Gesang begann. Und er hatte eine Stimme, wirklich eine tolle Stimme und die Leute horchten entzückt. So wie das begriffen habe, zusammen mit Alphas Erläuterungen, so ist wohl das Lied oder Titel bekannt, doch der Inhalt kann je nach heutigem Gefühlszustand variieren. Das bemerkte ich, weil eine junge Frau beim Hinausgehen dem Sänger ein Nötchen in die Hand drückte und gleich darauf wechselte sein Gebaren, seine Mimik und die Frequenz seiner Stimme.


Geschlechtsteile aus Stoff für ein Gesundheitszentrum

Montag, 11. August 2008

www.mali-suisse-dembagnouman.org

Hinter diesem Namen steht eine Schule von Frauen für Frauen. Genauer gesagt: Die Schule wurde von Schweizer Frauen für Mädchen und Frauen bis dreissig Jahre gegründet. Die ärmsten der Armen dürfen hier sticken, nähen und schreiben lernen. Und dies am Rand von Bamako.

Wieder mal spielte der Zufall eine Rolle, wie ich zu dieser Adresse kam. In der Phase meiner grossen Frage „wieso stehe ich überhaupt noch auf?“ suchte ich in google: Handarbeitslehrerin gesucht. So kam ich auf die Adresse von Margrith Hasler und obwohl dieser Link verjährt war, schrieb ich ihr eine Mail. Und wieder fiel es zu, dass Christine Peter genau diese Frau auch schon kannte. Christine, das ist die Frau, die seit einem Monat pensioniert ist. Von ihr habe ich die Adresse von Swisscontact. Christine ist neben Handarbeitslehrerin auch Sexualpädagogin und sie hat für die Aufklärungslektionen in der Schule aus sehr geeignetem Stoff die primären Geschlechtsteile von Mann und Frau genäht. Und zwar total schöne. Diese Anschauungsmittel habe ich dann schlussendlich bis in diese Schule getragen, weil da auch ein Gesundheitszentrum entstehen soll. Die Freude an diesen anschaulichen Beispielen war gross. Madam Tina Adjara ist für das Gesundheitszentrum verantwortlich und wieder mal wollte es das Universum, dass diese Dame gerade per Zufall da war. Mir war es sehr wichtig, dass der Name von Christine Peter dort an Ort und Stelle verewigt würde und so durfte ich in ein Heft eintragen, dass der Schule ein wunderbares, anfassbares Mittel durch Christine Peter geschenkt wurde. Madame Tina ist wirklich vom Fach, das kurzweilige Gespräch und ihr Fachwissen und ihre Fachworte verrieten mir, dass sie wirklich eine Ahnung hat, was Sache ist. Um die Sache abzurunden kam noch eine Packung Kondome dazu. Sie freute sich sehr.

Verrückt ist die Anfahrt dort hin. Würde die Fahrt dort hin noch 10 Minuten länger dauern, so lieferte man mich wohl mit Hirnerschütterungssymptomen ein. Stillenden Müttern würde ich eine Autofahrt dahin nicht empfehlen, die Milch würde vermutlich nur den BH stillen, nicht das Kind. Dass dort eher wenig Autos anzutreffen sind wundert nicht. Wie die Autos auch nur eine Hinfahrt überleben, dass kann ich euch nicht verraten. Und selbstverständlich erreicht man diesen Ort nur, wenn es nicht regnet.

Die Leiterin, Aminata Diakité, die auch Töff fahren kann, eine entzückende Frau welche Kinderlähmung erleiden musste, auf den Rollstuhl angewiesen ist und es liebt, immer wieder eine ganz andere Frisur zu haben; eine Woche kurz, eine Woche lang, einmal gekraust, einmal aalglatt, zeigte mir und Elli die Schule und die vielen Taschenkreationen. Die Schülerinnen waren zu dieser Zeit gerade gegangen, wir waren 5 Minuten zu spät. Erst als ich das zweite Mal eine Woche später dort ankam, diesmal mit Sophie, trafen wir auch die Mädchen und jungen Frauen. Sie sassen in den Schulbänken. Ganz viele davon hatten ihre Babies mit dabei und die hingen an der Brust von Mama während des Unterrichts. Wir wurden freudig begrüsst. Ich holte bei Aminata bereits einmal 500 Stück Etuis = trousses ab. Ohne Alpha wäre auch da nichts möglich gewesen, denn ihn brauchte ich für die Übersetzungen in Bambara. Margrith Hasler in der Schweiz hatte gecheckt, dass ich vermutlich mit eher leeren Koffern meine Rückreise antreten würde. So kam es, dass ich schlussendlich 700! trousses nach Kloten brachte. Per Mail kann man sehr vieles organisieren.

200 trousses lieferte Aminata einen Tag später am Samstag noch persönlich nach, 5 Stunden vor meinem Abflug. Dazu kam sie eben mit ihrem Drei-Rad-Töff. Die Trousses wurden dann am Flughafen Zürich von Regula Walser in Empfang genommen, sie war extra von St. Gallen her angereist. So konnten enorme Transportkosten eingespart werden. 10 Kilos hätten noch Platz gehabt. Eigentlich hatte mein eigenes Gepäck im Handgepäck allein Platz.

Dieser Verein überlebt durch Spenden von Mitgliedschaften, Verkaufsaktionen und natürlich dem Verkauf selbst der selbstgenähten Taschen und Täschchen in diversen Hotels und auch im Musée national de Bamako. Ich habe noch neue Ideen und Muster gezeigt, so wie die Halskette aus Satinbändern. Bin ja gespannt, ob diese Ideen umgesetzt werden können. Falls ihr mal 100.- weglegen könnt, so möchte ich euch lieben Lesern eine Mitgliedschaft von Herzen empfehlen, oder eine Spende von einem kleineren oder grösseren Betrag. In der Homepage kann man ein pdf herunterladen.
Verein TEXTIL-LEHRATELIER Bamako/Mali

Bühlstrasse 40

9436 Balgach

Konto: PC 85-623587-8

www.mali-suisse-dembagnouman.org

Sousou – oder Susu – Energie für die letzte Woche

Montag, 11. August 2008

Die letzten Stunden bringen mich je länger je mehr zu Emotionen. Erstmals sehen alle Menschen hier wirklich ganz bekannt aus. Es sind nicht mehr alle irgendwie gleich. Die dunkle Hautfarbe hat sich „erhellt“. Ich erkenne die einzelnen Nuancen der Gesichter und habe begonnen zu differenzieren. Noch mehr Leute grüssen mich, bereits in der Sprache Bambara. Auf eine gewisse Weise nehme ich meine Umwelt noch bewusster wahr. Immer wieder tauchen so Sätze auf wie: Ja, mit denen hätte ich doch mal abmachen können… Da war ich auch noch nicht… Die Weberei xy habe ich nun doch nicht besucht… habe doch keine Zeit gehabt die Wäscheveredelung zu besuchen… hätte ich doch Alpha gesagt, dass ich dieses und jenes noch tun oder sehen möchte.
Doch immer war ich einfach froh mein Bett zu haben, denn tatsächlich war ich wirklich immer recht müde und wollte einfach nur schlafen. Die Arbeit nahm mich sehr in Beschlag. Manchmal wäre ich auch am liebsten abgehauen. Die Hitze, die Luftfeuchtigkeit, das Fehlen von Hellraumprojektor, unbeschränkte Kopienanzahl, fehlende Ordner, Spitzer, Papier, Magnete für die Wandtafel (die Wandtafel war zwar schwarz, doch leider aus Holz). Es musste mit Malerabdeckband geklebt werden. Die Tafel war kaum sauber zu kriegen. Kein fliessendes Wasser im Raum. Die Holztische hinterliessen bei jeder Abschrift ihre Maserierung auf den Schnittmustern und Unterlagen. Und dann diese wahnsinnige Ungenauigkeit beim Nähen. Ich musste wirklich lernen zurückzustecken und ich begann, mich einfach an ganz kleinen Fortschritten zu freuen. Was ich in 3 Jahren gelernt habe, kann ja jetzt nicht in 4 Wochen gelernt werden. Jeder Lernprozess braucht nicht nur neue Synapsenverbindungen sondern auch Zeit. Ganz einfach Zeit. Dazu kommt Staub, Staub Staub und nochmals Staub. Meine Bücher waren innert 3 Tagen so verstaubt, wie nach einem Jahr die eingemotteten Schachteln auf einem schweizer Estrich. Die Tische mussten jeden Halbtag abgestaubt werden. Meine Hände waren immer innert kürzester Zeit einfach grausig verstaubt.
Ich stelle fest, dass ich wohl wie in einer Art Trance hier unterrichtet habe. Niemals habe ich gefragt:Muss das sein? Warum das alles? Ist das nicht zu viel Action? Ich liess mich Tag für Tag mehr darauf ein, im letzten Moment schon das Richtige in meine Hände oder in meinen Kopf gebeamt zu bekommen. Oft wunderte ich mich, wie ich überhaupt zu den oft recht guten Ideen kam. Bin das wirklich ich?
Letzte Woche am Freitag überraschten mich die Teilnehmer mit einem Geschenk. Eine hölzerne Figur. Nur ein Oberkörper bis Brust. Eine Frau. Eine Afrikanerin. Üppiger Busen, schmale Schultern, asymmetrische Frisur. Das hatte mich sehr gefreut. Sogleich taufte ich sie: Sousou. Da wir ja schon Suzette, die Schneiderbüste hatten und ich die Susanne bin, so gab es einen neuen Namen, nämlich eben Sousou. Ich bedankte mich bei jedem einzelnen natürlich und den ganzen Rest des Nachmittags schwelgte ich in Glücksgefühlen.

Die imitierte Katze

Freitag, 8. August 2008

Seit bald vier Jahren habe ich ein Zusammenleben mit Katzen erleben dürfen. Die Katzen hier sagen auch miau und schnurren genau gleich und sie haben auch so das typisch weiche Fell mit Haaren. Ich bin mich seither gewohnt plötzliche Fellkontakte am Unterschenkels oder an den Knöcheln wahrzunehmen und nicht mehr zu erschrecken. Deshalb erschrak ich auch dieses Mal nicht, als ich mit Alpha und Elli im Restaurant Savana war. Das war vor einer Woche etwa. Doch was mich dann doch aus der Fassung brachte war die Tatsache, eine schnell davonhuschende Ratte mit nacktem Schwanz zu erkennen.

Ja, so ist es hier, dass sind die Katzen von Bamako. Sie sind öfters anzutreffen.

Pssssst… niemand darf das wissen

Freitag, 8. August 2008

Gerade kam eine der Domestiquen zu mir in die Wohnung, fast in Panik und: in Tränen aufgelöst. In ihren Händen ein zerbrochener Teller. Es ging einige Zeit, bis ich begriff, was sie bewegte zu mir zu kommen. Sie ahnte wohl, dass ich das Unglück dieses Tellers übernehmen als mein Schicksal übernehmen könnte. Mit dem Zeigefinger auf den Lippen versuchte sie mir klar zu machen, dass ich nichts sagen sollte. Ich nahm das Zeichen auf. Aus ihren Augen quoll einfach bare Angst. Das tat mir so schrecklich leid. Ob sie deswegen einen Monat lang keinen Lohn bekommt? Schon einmal hatten wir beide den Zeigefinger auf unseren Lippen. Doch das war eine ganz andere, freudige Situation.

Ich weiss jetzt gar nicht mehr, ob ich dies schon mal schrieb. Mimi hatte mir drei ganz feiste Patisserien überreicht, so richtig zum Zunehmen.  Ich glaub das war am zweiten Wochenende schon. Ein Eclaire ass ich in drei Rationen, die anderen zwei Stücke waren einfach zu viel. Deshalb gab ich Alpha die Möglichkeit davon zu naschen. Auch er ass nur die Hälfte von einer Schoggi-Rahm-Schnitte. Nun trug es sich zu, dass ich am Montagmorgen schon um sechs den Wecker gestellt hatte und ausser mir und den Domestiquen niemand wach war. Ich winkte die beiden Mädchen heimlich in mein Zimmer und gab ihnen die prachtvollen Reststücke und ich zeigte ebenfalls eben mit erwähntem Finger ein: Pssssst. Mit glücklichen Augen schnabulierten sie in einer eher uneinsichtbaren Ecke die Süssigkeiten.

Der zerbrochene Teller liegt nun bei mir in der Wohnung. Zum richtigen Zeitpunkt werde ich zugeben, dass ich den Teller habe fallen lassen.

Flug Zürich Bamako – wer fliegt?

Freitag, 8. August 2008

Schon wieder ging die Diskussion um die Lehrmittel los. Kopien sind hier fast teurer als in der Schweiz. Sie haben sich zusammengetan und einen Brief an Monsieur Ibraim Maiga von swisscontact geschrieben. Besser gesagt mal entworfen. Sie wollen eine finanzielle Unterstützung für Kopien oder die Möglichkeit, die Bücher zu kommen. Deshalb frage ich nun die Welt, die hier meinen Blog lesen kann:

Wer fliegt im August von Zürich nach Bamako

und kann 26 Bücher mitnehmen? Abholdienst am Flughafen kann garantiert werden, sofern es nicht wie verrückt regnet.

Lehrmittel: le manuel des textiles et manuel de coupe pour la couture

Schon wieder ging die Diskussion um die Lehrmittel los. Kopien sind hier fast teurer als

Bald wurde mir klar, dass wir einen Hoffotografen hatten und ich musste sicher 15 Mal auf irgendein Foto mit irgendwelchen Teilnehmern. Irgendwie scheint es wichtig zu sein beweisen zu können, dass man von einem Bleichgesicht für vier Wochen ausgebildet wurde. Irgendwie hat das sehr viel zu bedeuten.

Noch drei Tage in der Schule. Morgen will Elli, sofern es ihr Darm erlaubt die Lektion bestreiten und ich trete mal ins zweite Glied. Ebenfalls morgen Abend (Mittwoch) sollte Sophie ankommen. Meine Stunden hier sind so langsam aber sicher gezählt und es gut, wenn ich weitergeben kann. Ein Monat, so schnell ging noch nie in meinem Leben ein Monat vorbei. Madame Oury geht es wieder ein bisschen besser. Sie hat nun lange mit einem plagenden Zahn gelitten. Ich glaube die Chemomedikamente haben ihr Zahnfleisch und Zähne angegriffen. Ein Zahn liess sie sich ziehen. Jedenfalls hat sie heute schon dreimal nach Ouryfitini gerufen und das bedeutet einiges. Schaut sie euch an, die Königin von Saba.

Ein Schüler entschuldigt sich bei mir

Freitag, 8. August 2008

Heute hatte ich erstmals öffentlich in der Klasse eine Auseinandersetzung. Ein Teilnehmer kritisierte unterschwellig seine Klassenkameraden, wie man sich als Lehrer, als Formateur vor den Schülern zu verhalten habe. Ich hatte ihn zu einer kleinen Präsentation à 5-10 Minuten verknurrt, weil er zu spät kam. Seine Präsentation dauerte nun 45 Minuten und traf nicht wirklich den Inhalt, den ich aufgetragen hatte. Trotzdem, seine Präsentation über fibres semi-synthétiques war super, no comment. Weisst du, von wem ich spreche?

Von Monsieur Jeconnaîttout.

Ich liess mir ja seine Krakeleien noch eine Zeit lang gefallen. Der Gipfel war allerdings, als er bei einer anderen Aufgabe einen Mitschüler in die Zange nahm und wieder unterm Teppich vorwarf, dass er die Aufgabe von Madame Susanne nicht befolgt hätte. Da platzte mir so ziemlich der Kragen und ich sagte ihm klar meine Meinung. Unter anderem: „Warum sind Sie hier? Sicher nicht um Pädagogisches oder Methodisches oder Didaktisches zu lernen. Denn das haben Sie eben auf die Tafel geschrieben, wie man das zu tun habe. Wir haben hier in dieser neuen Aufgabe sieben verschieden Resultate erzielt und das kann die Klasse nur bereichern und ist von A-Z in Ordnung. Ich will jetzt keine Diskussion, was man alles hätte tun können, sondern lediglich eine Präsentation von dem, was in der Gruppe erreicht wurde. Ich schätze Ihre Präsentationen sehr und ich finde es genial, dass Sie mit ihrer Sprache den Teilnehmern so vieles erklären können. Wir beide wären ein super Team. Ich würde gerne mit ihnen vorbereiten. Sie würden den Lehrer spielen und ich würde die Feinarbeit mit der Hand übernehmen. Bitte hören Sie nun auf, unter dem Tisch mitteilen zu wollen, was die Teilnehmer und ich hier alles nicht können oder wissen. Sie müssen sonst die Formation wechseln.

In der Mittagszeit kam er zu mir und entschuldigte sich.

Ich hab ja gelernt, dass ich mich genau an den Leuten reibe, die mich spiegeln. Also sage ich jetzt danke zu diesen Begegnungen mit mir. Das Spiegelgesetz lässt grüssen. Offenbar c’est moi aussi: je connaît tout. Madame Jeconnaîttout.

Heute brachte ein Teilnehmer eine Originalkleidung aus Dogan. Schwerer handgewebter Stoff aus lauter Streifen zusammengesetzt, in Indigo gefärbt. Es ist das Kleid eines Weisen. Der Teilnehmer hat es von seinem Onkel. Es hat mich tief berührt, dass er das mitgenommen hat. Zeigt es doch, dass er glaubt, ich sei sicher daran interessiert. Und tatsächlich wir haben das gute Stück ausnehmend studiert. Alle Knöpfe die da zu finden sind, und das sind vielleicht hundert oder mehr, die sind gestrickt. Aber so fein gestrickt, dass es natürlich nur ich erkennen kann. Je connaît tout. Zur allgemeinen Freude liess es sich Elli nicht nehmen, dass Gewand des Weisen anzuziehen.

Marie hat sich eine Halskette aus Satinbändern gemacht. Sie ist völlig angetan davon. Die Bänder sind hier echt wahnsinnig billig, aber auch von anderer Qualität. Jedenfalls wurde sie rundum bewundert und nun ist das Fieber ausgebrochen.

Ellis Durch-Fall

Donnerstag, 7. August 2008

Heute war Elli dran. Oh sie hat gelitten und die Kohletabletten die bei mir schnell wirkten, fanden bei ihr keine Wirkung. So habe ich heute ihre beiden Schüler auch übernommen. Als ich über Mittag nach ihr schaute, kam nur noch ein Hauch von Stimme und sie lag erschöpft darnieder, da sah echt ganz schlimm aus. Ich hab ihr dann meine Immodium-Medikamente gegeben. Bis zu 8 Tabletten davon kann man nehmen. Vor einer Stunde haben wir zusammen Abend gegessen, es ging ihr sichtlich besser und sie erzählte mir, sie hätte geglaubt am Ende zu sein, sie wusste nicht mal mehr wie liegen ohne Schmerzen. Ob das noch vom Eiswürfel vom Samstagabend sein kann? Ich habe praktisch dasselbe wie sie gegessen. Kranke Formatrice. Für die Menschen hier am Hof nichts Neues. Alle Europäer müssen offenbar da durch. Ich sei bisher die Einzige gewesen, die es nicht wirklich so dramatisch erwischt habe. Tatsächlich, so wie Elli habe ich auf keinen Fall gelitten. Es war halt einfach unangenehm. Die Schüler meinten, ich sei halt schon stärker gebaut, mich werfe so schnell nichts um.

Hier wusste sie noch nichts von den dunklen Stunden und der Auseinandersetzung von einem Darm. Sie hat auch eine Büste mitgebracht. Nun werden die Bänder aufgenäht.