Der allerallerletzte Samstag
13. August 2008Am Freitagabend ging ich am Samstagmorgen ins Bett. Das heisst, es wurde 3.00 Bamakozeit, als ich mich noch knallwach ins Bett legte. Ich hatte mein Gepäck sorgfältig gerichtet, alle Sachen sortiert, mir überlegt, wer was zum Abschied bekommen soll. Wohin kommen die 700 Trousses? Ich schrieb fünf Briefe. Einen für Mimi, für Madame Oury, Alpha, Kader, Ablaye… sie sollten die Briefe erst öffnen dürfen, wenn ich im Flugzeug sitze. Ich verteilte mein Restgeld in die Umschläge und reservierte noch eine Kleinigkeit an CFA für den Markt. Davon hab ich ja schon berichtet. Gut habe ich das alles noch in Ruhe gemacht, so konnte ich den Samstag noch richtig geniessen. Ich nahm mir Zeit, um mich bei meinem Schneiderfreund Amadou zu verabschieden. Er war so was wie mein Père auf der Strasse geworden. Seine qualifizierte Arbeit liess erahnen, dass er wohl nicht in Bamako gelernt hat. Und tatsächlich, er war zwei Jahre in Italien. Immer wieder besuchte ich für fünf Minuten sein Atelier, um seine neuen Arbeiten an Veston und Hosen zu bewundern.
Ich hab mir Zeit genommen nochmals bei Madame Oury zu sein. Sie hat nun Kopfkissenüberzug und ein Leintuch in Rosa und feinster Baumwolle mit Spitze von mir. Dazu ein Unterleintuch, auch Baumwolle. Sie war überglücklich, denn soviel Stoff am Stück bekommt man nur in Polyestergemischen. Dann habe ich alle meine Medikamente bei ihr gelassen, den Rest des Körperpuders, Parfüm, Klarsichtfolie für die Küche (wollte ich für ein Abformexperiment gebrauchen; wegen zu heiss, Sauna, liess ich diese Übung aus). Dann noch Kugelschreiber und Papier und Frottiertücher und dann natürlich der Brief. Auch Oury hatte mit derselben Idee einen Brief für mich bereit. Auch ich durfte ihn erst im Flugzeug lesen. Oury schenkte mir einen Anhänger, eine Halbkugel und dazu einen Ring. Nun, wenn ihr vom vorhergehenden Text gelernt habt, dannn wisst ihr, dass sie mir symbolisch ein Herz geschenkt hat. Der Abschied war herzlich, intim und mit viel Zeit. Noch Stunden vor dem offiziellen Abschied.
Dann sass ich eine ganze Weile im Atelier. Kader und Ablaye wollten ja eigentlich noch stricken und häkeln lernen. Ich kreuzte also mit entsprechendem Werkzeug dort auf. Die Lehrtochter Assedou, die uns amüsiert beobachtete nahm dann irgendwann einmal die Häkelnadel in die Hand und sie häkelte wie eine Maschine sämtliche Häkelmuster, die ich kenne. Und damit nicht genug, sie strickte auch wie eine Maschine. Die Schneider waren fast erbost, als sie das sahen. Warum nur hat das Mädchen nie von ihrem Können erzählt? Zärtliche Ohrfeigen landeten auf ihrem Gesicht. Es sieht so aus, als ob in diesem Atelier neue Kollektionen entworfen werden könnten. Wir setzen mal alle Hoffnungen auf die Lehrtochter. Sie hat dieses Handwerk bei den Nonnen gelernt. Jetzt scheint das Team vollkommen zu sein, um neues Design zu lancieren. Ich wünsche es ihnen. Dann ging es um die vier Hemden die ich bestellt hatte. Sie erklärten mir, dass sogar drei Schneider-Teilnehmer daran gearbeitet hätten, Ablaye, Kader und Ousman und sie wollten partout kein Geld dafür. Ich freute mich heimlich, dass ich ihnen bereits Geld in ihren Briefumschlag gesteckt hatte. So konnte ich ihr Geschenk besser annehmen und gleichzeitig hatten sie etwas Bares in der Hand. Dem dritten im Bunde, Monsieur Ousman hatte ich mein Übersetzungsbuch geschenkt. Er hatte an der Uni deutsch gelernt und teilweise tauschten wir deutsche Sätze miteinander aus. Also auch gut investiert. Vor 3 Wochen nämlich gab er mir schon einen Wink dazu:“ Ihr Buch ich gerne haben“.
Draussen hatten sich Ouryfitini und Mauwa ebenfalls in Handarbeit vertieft. Ihnen brachte ich noch das Halsketten nähen mit Satinbändern bei. Ich habe die Farbberatung aufgegeben. Hier wird die Zusammensetzung der Farben “marriage des couleurs” genannt. Ist das nicht ein wunderschöner Ausdruck? Rot, dunkelgrün und hellgrün, das hätte ich niemals im Leben miteinander verheiratet. Doch Das Endprodukt verrät: Afrika heiratet anders!
Ouryfitini, die jüngere, die Schlanke, die endlich auch mal zum Zug kam, denn ich hatte der Mauwa vor drei Wochen das Stricken beigebracht, fragte, ob sie denn auch noch ein Armband machen dürfe. Ja natürlich. Schnell waren die neuen Längen berechnet. Ich fragte dann, wo die Schwester Mauwa sei und Ouryfitini rollte die Augen und erklärte mir mit überzeugender Kraft ihre Abwesenheit. Auf die Frage, ob denn die Schwester Mauwa vielleicht auch ein Armband haben wollte antwortete Ouryfitini mit einem klaren: Non!
So sind Schwestern manchmal.
Bilder: Monsieur Amadou, mein Strassenpère, die drei Näher für die Hemden meiner vier Männer zu Hause und die Schwestern Mauwa und Ouryfitini, die Lehrtochter Assedou am Häkeln und Kader am Häkeln.
















10. Februar, 2009 at 12:01
Ein sehr toller Text und auch die Bilder sind zauberhaft. Ich habe selten Menschen so lächeln und glücklich gesehen. Ich weiß nicht, ob es gespielt ist, aber ich finde, dass die Bilder wirklich mehr sagen als 1000 Worte. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben wie ich mich fühle, wenn ich solche Bilder sehe. Aber eines weiß ich, dass ich dieses Erlebnis, dass Sie hatten auch gerne erfahren würde. Aber das wird wohl nie passieren, denn die Zeit habe ich nicht dafür.