Drei Stunden vor dem Abflug
13. August 2008Für die Domestiken hatte ich einen kleinen Briefumschlag gebastelt. Je 2000 CFA, das dürften zirka fünf Schweizer Franken sein. Davor habe ich Madame Oury gefragt, ob das erlaubt sei. “Mais bien sûr, pourquoi pas, naturellement!” Die beiden Mädchen wussten anfangs gar nicht, was sie mit dem Papierumschlag anfangen sollten. Wegen solchem„Abfall” riefe ich sie doch nicht zu zweit in die Stube! Nach einigen Anweisungen und Zeigen, wie man das öffnen könnte, sahen sie das Geld. Die Augen purzelten fast aus ihren Augenhöhlen heraus. Sie hatten mächtig Freude.
Die Madame neben der Schule, die die Kartoffeln ins kalte Oel legt, war nicht erfreut, dass ich schon gehe, ich verabschiedete mich ein zweites Mal bei Amadou, meinem Strassenpère und ihr. Er weinte, als ich ihm noch Kreide und ein paar wenige Nähnadeln übergab. Im Atelier verschenkte ich auch Kreiden, Nähmaschinennadeln, Kugelschreiber, Nahttrenner. Auch hier freuten sich alle, für alle war etwas weniges da. Es gab auch nochmals eine Runde Kekse. Ablaye wollte noch unbedingt meine Schere. Doch die musste er mir für 50 CFA abkaufen. Scheren und Messer werden bei uns nicht geschenkt. Das zerschneidet die Freundschaft, sagt man. Deswegen mussten sie alle drei bezahlen, was sie mit Freuden taten. Ich hatte meine Lieblingsscheren ihnen überlassen. Der Preis bleibt natürlich geheim. Für Alpha gab es zwei besondere Geschenke: Er hatte schon lange Gefallen an meinem USB-Stick, 4GB, Titan. Er wollte sich diesen schon langemal kaufen, 50Euro müsste er bezahlen. Als Single hat er ja keine Verpflichtungen und ich könnte mir vorstellen, dass er das tatsächlich zusammensparen könnte. Ich habe knapp sfr 20.-dafür bezahlt, es lohnte sich also wirklich, ihm dieses Geschenk zu machen. Und dazu kam noch mein Schweizer Taschenmesser, was auch er mit einem symbolischen Betrag bezahlen musste. Allerdings fand diese Übergabe mit samt Abschiedsbrief erst am Flughafen statt.
Ich beschloss am Nachmittag, dass ich mit den Jungs aus dem Atelier wenigstens einmal essen gehen wolle, um 19.00h war abgemacht. Am Nachmittag konnte ich das Gepäck bereits bei Air-France an einem speziellen Schalter in Bamako Stadt einchecken. Alpha natürlich immer dabei. Ich war also nur noch mit Handgepäck und Handtasche bestückt. Die Männer kamen eine halbe Stunde zu spät, dann war Verkehrsstau, so dass ich nach zehn Minuten Fahrt von weitem wieder meine Strasse wiedererkannte. Endlich endlich gelangten wir in ein Restaurant. Viele Bleichgesichter dort. Vermutlich steht dieses Restaurant im Reiseführer. Die Jungs assen zum erstenmal Hamburger und ich ein Käse-Omelett. Mein Protein-Haushalt brauchte was. Es war schon witzig. Ich Weisse mit vier stark pigmentierten Männern, die mich zum Flughafen begleiteten, dabei wollte ich eigentlich nur mit ihnen essen gehen.
Der Abschied von meiner Strasse war ganz speziell. Sie fuhren die Strasse hoch bis zur Schule und ich winkte zum Fenster hinaus: „Au revoir, au revoir, merci pour tout! Oben wurde das Auto um 180 Grad gewendet und nun konnte ich die andere Strassenseite mit meinem “au revoir” beschenken. Die ganze Strasse schien zu winken. Ein wonniges Gefühl. Plötzlich sah ich das erste Mal einen Kinderwagen eines europäischen Paares. Jetzt wurde mir klar, weshalb die Afrikanerinnen ihre Babies auf dem Rücken tragen, die Baby-Köpfe lebensbedrohend hin und herschaukelnd: Es gibt gar keine Strasse, wo ein Kinderwagen überhaupt fahren könnte. Es hat viel zu viele Löcher. Und wenn es regnet… keine Chance.
Nun sitzen wir also im Restaurant, der Mann am Check-in heute Nachmittag hatte mir 21.00h auf das Ticket geschrieben. Dann sollte ich am Flughafen sein. Das wäre in zehn Minuten gewesen. Wielange es zum Flughafen gehe? Zehn Minuten. Gut und schön, ich war beruhigt. Doch das war die Angabe von zehn afrikanischen Minuten! Es stellte sich heraus: zwanzig europäische Minuten… ohne Regen. Und: der Kellner kam und kam nicht, damit wir bezahlen konnten. Und er kam immer noch nicht. Und es ward 21.10h und ich wusste eigentlich noch nichts von den afrikanischen zehn Minuten.
Wir kamen also afrikanisch richtig um 21.35h am Flughafen an. Dann begannen die Männer mich noch tausendfach zu fotografieren. Alpha hatte mir ein Instrument gebracht. Er meinte ich müsse meinem Sohn dringend ein Geschenk bringen, wenn ich schon kein Berimbau gefunden hätte. Ach so ein Schatz. Also fotografierten und fotografierten wir. Alle wollten ein Foto von mir und mit sich selbst darauf. Und plötzlich rief einer: Il faut aller, on a appelé votre vol! Schnell ergriff ich mein Gepäck und entschwand meinen roten Pass schwingend in der farbigen Menge der afrikanischen Fluggäste. Natürlich hatten wir uns vorher noch umarmt. Dann ging es relativ schnell, zum Glück war alles schon eingecheckt. Eine Wendeltreppe hoch mit der Bagage, eine Wendeltreppe runter mit der Bagage und schon war ich nach erneuten scharfen Gepäckkontrollen und Leibesvisitationen vor dem Bus, der uns zum Airbus bringen sollte. Das waren 15m Fahrt. Ich war also am richtigen Ort und überhaupt nicht zu spät. Das ist Afrika.










