Archiv für den 12. August 2008

On travaille avec millicentimètres

Dienstag, 12. August 2008

Am Samstag, meinem Abreisetag, da wollte ich nochmals auf den Markt, die letzten Dinge einkaufen. Doch das gelang nicht wirklich. Zu viele Sachen lenkten meine Augen und mein Denken immer wieder ab. Zum Glück lag unsere Mahlzeit schon weit zurück, den die hätte ich wohl auf diesem Markt unerwartet und antiperistaltisch auf die Strasse serviert. Ausgenommene Fische, Eingeweide herumliegend, halbe Tierkadaver neben Stoffen und Tomaten, tausende von Fliegen und andere Insekten in schwarz und ohne Flügel, tiefschwarzes Öl wird für irgendwelche Proteinstücke (Fisch oder Fleisch) angeheizt, ich glaube sogar das Giftzentrum würde dieses Öl nur noch mit Maske und Handschuhen annehmen. Eine Frau wedelt wie verrückt über schwer angeschlagene Äpfel, keine Apfel-Mosterei würde die jemals annehmen, doch die Frau wehrt ganz gezielt alle Fliegen mit ihrem Fächer ab, wie wenn sie ein Baby vor Ungeziefer schützen möchte. Den sauren Geruch erkenne ich fünf Meter gegen den Wind. Elli ist einfach begeistert von jedem Gewürzstand und jedem Stoffladen. Überall steckt sie ihre Nase rein und „chrömelet“. Sophie nimmt eher alles gelassen, jedenfalls ist sie diejenige, die zusammen mit Alpha ständig auf uns warten muss.

Nachdem wir verblasste Satinbänder und getrocknete Kalebassen gesichtet hatten, kamen wir auch zu einem Platz, der offensichtlich nur für Schneider gedacht war. Etwa sechs Schneider sassen da an ihren Nähmaschinen kreuz und quer und wir staunten nicht schlecht, was da alles verarbeitet wurde. Für Elli und Sophie vermutlich ein wirklich grausliger Anblick, denn die beiden kennen nun wirklich nur genaues Arbeiten und auf den Millimeter genau auf Mass. Natürlich. Sonst wären sie ja keine Profis. Die Klasse wird sich schon noch wahnsinnig verändern müssen, um annähernd an diese Ansprüche zu gelangen. Jetzt haben sie noch vier Wochen Zeit. Einen Minischritt haben die 13 Teilnehmer ja mal mit mir machen können. Doch irgendwie hapert es am Umsetzen. Zum Beispiel: Ich gab eine Bestellung bei Kader und Ablaye auf, meine vier Männer sollten ein Hemd bekommen. Als ich die angnähten Knöpfe inspizierte, stellte ich fest, dass sie noch in alter Manier ohne Faden-Hals und ohne Umschlingen des Knopfhalses die Knöpfe angenäht hatten. Der Kragen in irgendeinem verrückten Fadenlauf und die Verarbeitung… es ist gut haben das die beiden Frauen nicht gesehen. Hatte ich der Klasse doch haargenau erklärt und live gezeigt, wie ein Knopf anzunähen sei. Erklären und zeigen reicht eben nicht. Sie hätten es auch gleich tun müssen. Und ich hätte dann nicht locker lassen dürfen, bis sie es einmal richtig machen. Uuuuhhh, das braucht soviel Zeit.
Nun standen wir eben vor diesen Schneidern und wie üblich, versuche ich ein Gespräch in Gang zu bringen. Da stellte sich heraus, dass der eine mit Alphas Schwester einmal in die Schule ging und er selbst schon mal eine Formation, eine Ausbildung bei einer Weissen gemacht habe. Und die arbeiten mit Millicentimetern, das habe ihm nicht so gefallen, ein Zentimeter reiche auch. … Millizentimeter ! Ein freudscher Versprecher? Mir wurde erneut klar, wie schwer es ihnen fallen wird, von der Wandtafelkreide zur Schneiderkreide zu mutieren und im Massstab 1:3 einen Schnitt zu zeichnen. Das ist wirklich eine neue Welt. Wie lange das wohl geht, bis sie das auch machen wollen. Bisher waren Millionen von afrikanischen, malischen Frauen zufrieden mit den schönen afrikanischen Kleidern. Die sind oft sehr eng geschnitten, und sitzen tun sie auch. Da kommen drei so weisse Bräute aus Europa und meinen, es müsse nun ganz anders gearbeitet werden. Mit Papier und spitzem Stift, Kleber und guten Scheren, Qualitätsfaden und geraden Massstäben, intakten Nähnadeln und Bügeleisen mit Strom, mit Kopierrädchen die es hier nicht gibt und Kreidepapier, das auch nicht grad so auf dem Markt zu bekommen ist. Mit Abnähern die 1,25 cm tief sein können. Wo sie vorher einfach das Massband halbierten, verlangen wir mathematische Rechnungen. Das ist doch schon eine wahnsinnige Umstellung. Und dann muss alles noch markiert und nochmals gebügelt werden… Eine solche Metamorphose braucht einfach Zeit und Aha-Erlebnisse. So hoffe ich, dass Elli und Sophie dies in wohliger Geduld rüberbringen können. Das ist die Kunst an und für sich. Das genaue Schneidern wächst erst danach mit und braucht seine Zeit. Wie gesagt: In 4 Wochen eine 3jährige Lehre zu absolvieren ist nicht möglich.

Was er, der Schneider auf dem Markt denn von diesem Kurs umsetzen konnte, fragte Elli und die Antwort: “Genauer arbeiten.” Nun, kontrollieren konnte wir das nicht vollends, denn unsere Augen sahen schon von Weitem, dass die eine Kante des Reissverschlusses sicher 1cm länger war als die andere Seite des Reissverschlusses. Wie unschön.

Dann durften wir doch noch einen grossen Supermarkt sehen. Das war dann das Paradies für Sophie. Und auch für Elli. Wir konnten uns nun ein Bild machen, was alles zu bekommen war. Und dieser Supermarkt war nicht mal weit von uns zu Hause weg. Wenn das die Sophie nicht bemerkt hätte, ich wüsste es bis heute noch nicht. Für mich sieht jede Ecke irgenwie gleich aus und mein Orientierungsvermögen liegt offensichtlich auf einem sehr tiefen Niveau. Zum Glück ist immer jemand da, der einen ergänzt. Leider gab es dort nur Büchsenfood. Und es ist weder Tee noch Kaffee da, die Sophies Gelüste abdecken könnten. Tja Afrika hat anderes zu bieten.

Fotos, wie gesagt, das ist nicht so einfach, die Leute mögens gar nicht. Früher kamen die Weissen, machten Fotos von ihnen und die wurden dadurch sehr reich. Ob sie deswegen teilweise heute noch glauben, ihre Seele werde weggeblitzt?

Eine Kuh für einen Toten und Wäsche am Hof

Dienstag, 12. August 2008

Eine Kuh wird am offenen Strassenrand geschlachtet. Gerade wurde der Kopf abgehackt. Es ist 23.30h, wir sind gerade vom Kakerlakenerlebnis zurück und ich kann das Hacken des Beils in die Kuh bis in mein Zimmer immer noch hören. Alpha erklärt dazu folgendes: In dieser Familie sei jemand gestorben, dieser Person zu Ehren werde eine Kuh geschlachtet und das Fleisch an die Nachbarn und Bekannten und Verwandten verteilt. Am dritten Tag nach dem Tod, am 7. Tag und noch einmal nach 14 Tagen. Wie das Fleisch aufbewahrt wird? Das habe ich mich nicht gefragt. Der Afrikaner hat für alles eine Lösung, die allen mundet und noch niemand ist daran erkrankt. Ich glaub ich muss nochmals nach Afrika, um alles genauer zu erfahren. Vielleicht weiss es jemand doch noch besser als ich.

Daneben sassen in gewohnter Manier etwa 20 Leute vor einem winzigen Fernseher. Überall wo es ein TV-Gerät steht sitzen oder stehen viele viele Menschen davor. So werden oft die Trottoirs, sofern vorhanden verstopft. Die Veston-Männer, die nun auch zu meinem täglichen Begrüssungsritual gehören sitzen immer noch 20 Meter weiter oben und sind immer noch am Schnorren. Möchte ja zu gerne wissen, was diese Männer in Flip-Flop, Kravatte und Veston einander zu erzählen haben. Einer mit Hitlerschnauz, der flirtete immer gewaltig mit mir. Wir haben jeden Tag ein Rendez-vous abgemacht: Heute Abend um 25.00h!

Die Frauen machen das irgendwie anders. Sie sind im Innenhof. Entweder am Färben oder Spinnen oder Kochen oder Wasser holen. Oder ebenfalls vor dem Fernseher. Wenn bei Madame Oury der Fernseher mal nicht läuft und das Handy nicht alle 10 Minuten schellt, dann empfängt sie Freundinnen in ihrem Schlafzimmer. Man setzt sich einfach im Schneidersitz oder liegen zu ihr aufs Bett und dann wird geschnorrt oder sogar auch geschnarcht. Madame Oury macht nicht viel Bewegung am Tag. Ich frage mich, wie diese Dame so schlank bleiben konnte. Sie wechselt ihren Liegeplatz von draussen nach drinnen etwa 3 mal pro Tag und sonst geht sie mal schauen, was in den Kochtöpfen brutzelt oder sie weist die Domestiken an, die Wäsche abzunehmen.
Ich habe gelernt die Wäsche in jedem Fall in umgedrehten Zustand abzugeben. Mit leidvollem Gesicht musste ich an meinem weissen Jupe Rostflecken von der Leine in Kauf nehmen. Die liessen sich auch nach mehrmaligem Rubbeln mit Schweizer Waschmittel nicht entfernen. Spannend ist und bleibt dann doch, wie die Wäsche auch noch abgenommen oder transportiert werden könnte.