
Elli hatte diesen MEINEN letzten Freitagmorgen zu bestreiten. Ich war einfach nur noch zur Verzierung da. Abgemacht war, dass ich am Nachmittag noch ein bis zwei Stunden für Abschlusslektionen investiere, wir wollten den Arbeitsfluss möglichst konstant halten. Irgendwann tauchte Alain auf. Alain ist von der Côte Ivoire (Elfenbeinküste) und nennt sich Designer und Künstler. Er will sich hier bei Elli und Sophie in Entwurf, Zeichnen und Schnitt üben. Er winkte mir und behauptete, dass er von mir nochmals eine genaue Auskunft haben möchte. Dazu lotste er mich in den anderen Klassenraum, den mit den gelben Gitterwänden. Dann kam ein zweiter Teilnehmer und der wollte mich wieder im Theorieraum, man müsse was Dringendes mit mir besprechen.
Die Schlingel hatten aber nur getrickst. Meine Abwesenheit wurde genutzt, um alle Teilnehmer zu sammeln und um mir Adieu zu sagen. Kader, mein wunderbarer Übersetzer während der Schulzeit übernahm als erster die Rede. Sie hätten kein Geld, um mir was zu schenken, doch das was sie mir schenken möchten, käme von Herzen und sei von gleichem Wert. Dies war ein afrikanischer Fächer der beim Anfeuern von Kohle dienlich ist, zum Verscheuchen von Fliegen beim Mango essen und zum Luft zufächeln, bei solchen Temperaturen wie heute. Dann zeigte Alain auf die Wandtafel. Da war Packpapier zu sehen mit der Aufschrift: Suzanne merci pour tout. Alain wickelte das Paket vor mir auf und zum Vorschein kam ein wunderwunderschönes Bild auf einen festen Baumwollstoff gemalt. Dieser Anblick wird mich wohl bis in meine letzten Stunden meines Lebens begleiten. Alain begann: “Hier sehen wir sie, im Zentrum, die Mutter, die ihr Kind nährt, die Mutter, die für alles sorgt, ihre Kinder liebt und ihnen den Weg zeigen möchte. Suzanne hat uns alle genährt, genährt mit ihrem Wissen und wir waren für einen Monat bei ihr und durften von ihrem Wissen von ihrer Nahrung bekommen. Sie war unsere Mutter…”
Merci pour tout, sage ich, mit leiser vibrierender Stimme. Ganz ungewohnt.
Inzwischen war ich völlig in Emotionen und die Tränen rannen bereits. So unerwartet und so tiefgründig, so echt und so nah. Ich konnte es nicht glauben. Ich war fassungslos und alle Worte schwanden. Da stand ich, in meiner ganzen Berührtheit. So tief habe ich glaub noch nie eine Gruppe von Männern erlebt. Ich wagte kaum in die Runde zu schauen, alle Männer und die beiden Frauen sassen mit nassen Gesichtern und geröteten Augen in ihren Bänken. Ein unvergesslicher Moment.
Monsieur Jeconnîttout erklärte mir dann auch noch die Symbolik, die ich auf ein Minimum reduziert wiedergeben möchte. Leider weiss ich nicht mehr alles und ich hoffe, dass ich es möglichst wahrheitsgetreu wiedergeben kann.
Die Frau, also sie in der Mitte, bedeutet:
Die Frau ist im Zentrum der Gesellschaft und damit die Wichtigste, auch wenn das Gesetz ihr weniger Rechte gibt. Sie hat kein Gesicht, denn sie hat so viele Gesichter. Es ist rund und eigentlich so auch ihr Herz, vollkommen. (Es gibt Schmuckstücke, wie eine Halbkugel und das ist Symbol für das Herz). Jedes ihrer Gesichter ist wichtig, so wie der Mond sich auch in all seinen Facetten und in seinem Rhythmus zeigt. Die Frau hat eben ihre „Lune oder Luna“, sie hat eben ihre Laune oder wie angedeutet: ihren Mond.
Die drei waagrechten Striche rechts neben der Frau ist ein Symbol für das Männliche: Hoden, Penis, Eichel … sein primäres Geschlechtsorgan. Für das Weibliche sind vier Einheiten gedacht. Sie hat Eierstock, Vagina, Klitoris und das vierte: das Gebärende. Das hat der Mann nicht. Das wäre dann eben 3+(1+3)=7. Sieben steht also für das Kind direkt unter der Perlenkette. Das Kind hat keinen Körper, dieser verschmilzt mit dem Hintergrund. Ihre Halskette zählt je 5 Perlen, das zu einer sechsten grossen Perle zusammenkommt. Das ist eigentlich Mann und Frau zusammen, plus die Frucht die aus dieser Verbindung entsteht. Somit ist unter der Perlenkette, unter der Zahl 6, das Kind als siebentes Element zu erkennen. Links sind Symbole für Dualität zu entdecken. Die Zahl 5 ist rechts in schrägen Strichen zu finden, doch leider habe ich diese Symbolik vergessen. Ganz rechts unten im Bild ein Zick-Zack was soviel wie der „Weg“ bedeutet als Trinität, mal hoch mal runter, Tiefen und Höhen in einem Menschenleben,die Farben spielen auch noch eine Rolle. Der Fuss der Frau, geerdet, braucht nur vier Zehen, weil sie weiblich und mit Mutter Erde verbunden ist. Über ihr ein Energiebogen, unter ihr ein Energiebogen. Links Spermium das unterwegs zum Ganz werden ist. Wichtig die Handbewegung zur Erde zeigend und als Fisch zu erkennen. Aus ihren Händen kommt Nahrung.
Ob die Klasse ahnen konnte, welch unschätzbares Geschenk sie mir gemacht haben? Es gibt auch Gemeinschaftsfotos davon, die liegen jedoch noch auf dem Speicher-Chip von Elli oder Sophie in Bamako. Dazu kam noch ein irdenes Töpfchen für all die Schmuckstücke, die Frau , am besten aus Gold, bei sich tragen sollte. Es gibt hier sehr viel Goldvorkommen und die Frauen liessen vor allem früher ihr Gold in Schmuck verwandeln. Wenn es gebraucht wird, kann in Gold bezahlt werden. Die afrikanische Frau trägt also sozusagen ihre Bank immer bei sich.
Das Töpfchen hielt ich geöffnet vor die Klasse und sie sollten mir ihre Energien, ihre Wellen in diesen Topf senden. Schon einmal hatte ich eine Spontanlektion eingebaut mit Thema Frequenzen, Wellen, Radio, Antennen. Jede Frequenz hat eine Schwingung, das kann “101, 8″ oder “Liebe” oder “Vertrauen” sein. Wenn das Radio richtig eingestellt ist, kann es vom Sender, der Antenne empfangen. Reconnaître les ondes. Ich kann Vertrauen senden und empfangen. Nun nahmen wir uns etwa 30 Sekunden Zeit, um die afrikanischen Wellen in das Töpfchen zu senden, dann schnell verklebte ich den Deckel, um so die Energie der Klasse von Mali nach Hause zu tragen. Es war ein so heilsamer Moment.
Merci Afrika-Mali-Bamako- couturier et couturières