Archiv für August 2008

Meine physische Reise nach Bamako ist beendet

Samstag, 16. August 2008

Wenn du hier das erste Mal öffnest, dann ist das bereits der Schluss. Willst du an den Anfang meiner Reise, so clicke dich unter 8. Juli ein: Archiv oder im Kalender in der linken Spalte neben dem Text. Somit kannst du ein Vorspann lesen. Oder jeweils oben die nächsten Titel in rot geschrieben anclicken. Die Reiseberichte beginnen am 13. Juli. Jedes Foto ist sozusagen eine Verkleinerung, mit einem Klick sieht man die ganze Pracht.

Ich freu mich über jeden Gruss

Viel Spannung beim Lesen wünsch ich dir und natürlich: Zeit zum Lesen. Es ist ja fast ein Buch geworden. Zwei Menschen haben mir gemeldet, sie seien fast süchtig geworden, und waren jeden Tag gespannt weiter und weiter zu lesen. Da fühle ich mich doch gebauchpinselt.

Die Reise auf psychischer Ebene dauert noch. Noch träume ich jede Nacht von der Arbeit in Bamako. Morgens wache ich müde auf, weil ich ja durch die Nacht hindurch auch noch gearbeitet habe. Wenn ich im Internet surfe ertappe ich mich, wie ich immer noch Ideen sammle und mir bereits ein neues Konzept für weitere Lektionen überlege…

Susanne

Schoggitaler für Libellen, Heuschrecken und Beweidung

Freitag, 15. August 2008

Bald eine Woche zu Hause schaffe ich wieder innere Ordnung für mich, was mir nicht immer sehr leicht fällt. Ich sass zum Beispiel im Auto, als die Radiomusik durch den Bericht des Schoggitalerverkaufs unterbrochen wurde… Meine Ohren hörten nach vier Wochen Afrika: Fremdbekanntes… “Das muss ich doch noch in meinem Blog setzen”, dachte ich mir und so melde ich euch weiter, was mir afrikanisch angehaucht durch den Kopf ging.

Stell dir vor, ich erzähle meinen afrikanischen Schneidern, jedes Jahr kämen Kinder aus ihren Schulklassen von Haustür zu Haustür, würden läuten und fragen, ob wir einen Schoggitaler für 2000 CFA kaufen möchten, damit würden wir Libellen, Heuschrecken und ein Beweidungsprojekte fördern können…

An so einem einfachen Beispiel erkenne ich, wie gut es uns geht. Wir machen uns Sorgen um Libellenarten und nur sieben Flugstunden entfernt wissen die Menschen nicht, wie sie ihren nächsten Reis bekommen könnten, oder eben in meinem erlebten Fall, wie man zu einem Materialkundebuch kommen könnte, und am liebsten hätten sie gerne einfach eine gute Ausbildung. Ist das nicht verrückt? Die Heuschrecken werden hier lieber gegessen oder dann eben verflucht, denn sie fressen innert Sekunden ganze Felder weg.

Es ist manchmal gut, nicht zu viel zu wissen, das könnte ver-rücken oder ver-rückt machen. Uns geht es gut, einfach wirklich gut. Und Herr André Büecheler von der Bisikonerstrasse könnte wieder schlafen, wenn er wüsste, dass in Bamako an jedem Tag in irgendeiner Ecke einfach laut gefeiert wird. Das Leben, die Freude, das: “Mich gibt es” wird gefeiert. Dann müsste er nicht mehr bei uns anrufen und mich an meinen Erziehungsauftrag gegenüber meinen Kindern erinnern, denn unsere Jungmannschaft feiert gern, auf der Garagenveranda. Jewweils pünktlich wird von Herr Büecheler festgestellt, dass bei soooo viel Geplapper draussen um 22.30h niemand schlafen kann. Er droht regelmässig mit der Polizei. Schade.

Herr und Frau Büecheler können nicht schlafen. Schenken wir ihnen doch ein Ticket nach Indien oder Afrika. Dort gehören Musik und lautstarke Diskussionen zum Ortsbild wie das Elf-Uhr-Glockengeläut in jedem Dorf. Oder wir schenken ihnen einen Schoggitaler. Dann wird eine Libelle mehr überleben können.

Heute wurde ich angefragt, wann ich denn meinen Blog suschweiz weiterführen würde. Der Anfang ist gemacht.

Ich grüsse euch aus dem Schweizer Ländle, 72mal kleiner als Mali.

Schriftsteller werden

Donnerstag, 14. August 2008

Nun hast du meinen Blog vielleicht ganz oder teilweise mitgelesen. Das Schreiben war für mich sehr wichtig. Das spüre ich jetzt vor allem. Das Kleinkarierte hier und all das Mögliche und Unmögliche auf hochweissem Glanzpapier,  das muss wieder neu verstanden werden. Meine Texte, die sind reell, die sind mein. Einfach mein. Buchstaben in einer gewissen Ordnung hintereinandergereiht mit geplanten Abständen, damit sie als einzelne Worte oder Sätze verstanden werden können. Vielleicht auch mal kleinkariert, sicher auch blumig mit vielen Müsterchen. Sie und ich existieren.

Manchmal kam ich mir wie in Trance vor und ich wusste nicht mehr bin ichs oder bin ichs nicht. Ich funktionierte einfach. Manchmal war es wie ein Käfig, aus dem ich abhauen wollte. Ich konnte aber nichts begründen. Alle Ampeln waren auf grün gestellt, ich musste das Rad nicht neu erfinden. Alles was die Menschen wollten, hatte ich bereits in mir. Ich musste es nur noch auspacken. Gelernt ist gelernt. Oft stand ich um 6.00h auf und ich nahm mir Zeit für “Eingebung”. Und sie kamen, die Eingebungen, ich liess mich einfach darauf ein, welche Wahl hätte ich sonst noch gehabt? Alles ist in mir und ich wurde offensichtlich ausgesucht diese Aufgabe in Bamako zu übernehmen. Schliesslich habe ich Swisscontact wahrheitsgetreu mein Profil vermittelt. Der Einsatz kam so knapp und so kurzfristig und so ungeheuer viele Dinge wurden mir in die Hände gespielt, ich kann einfach nur Danke sagen. Es war eine Riesenherausforderung. Zum Glück wusste ich zu Hause nichts davon, ich hätte mir diese Arbeit niemals zugetraut, hätte ich gelesen, dass 15 Schneider auf mich warten! In der Ausschreibung war von fünf Mitarbeitern die Rede. Wahrscheinlich habe ich nicht alle französischen Buchstaben verstanden.

Wenn ich mich dann so richtig alleinfühlte, kein Kopierer und keine Bücher und keine Anschauungsmaterialien in der Nähe waren, so halfen mir die Erfahrungen mit “Open Space”. Die vier Prinzipien der Open Space-Arbeit begleiteten mich sehr oft und wirkten als innerer Anker, die will ich euch hier weitergeben:

  • Wer auch immer kommt, es sind die richtigen Leute – einer oder 25 ist egal, und jeder ist wichtig und motiviert.
  • Was auch immer geschieht, es ist okay – Ungeplantes und Unerwartetes ist oft kreativ und nützlich.
  • Es beginnt, wenn die Zeit reif ist – wichtig ist die Energie (nicht die Pünktlichkeit)
  • Vorbei ist vorbei – Nicht vorbei ist Nicht-vorbei – wenn die Energie zu Ende ist, ist die Zeit um.

Und alles stimmte einfach, jeden Tag. Monsieur Jeconnaîttout zeigte mir Madame Jeconnaîttout.

Ich stelle mir vor, vermehrt über fremde Länder zu schreiben – ohne Schneiderei nebenher. Ich fühlte mich sicher sehr wohlig und versöhnt damit. Mir hat das Schreiben vor allemfür die innere Reflexion geholfen und ich vermute es wird nur aufbauend sein, wenn ich meine Texte in „schlechten“Zeiten oder im “Tal der Tränen” wieder läse. Allein Lesen könnte wie ein Medikament wirken. Erinnere mich daran.

Nächste Woche geht es seit Langem wieder los mit meiner Schule. Heute fühle ich mich stark genug dazu. Bin gesund nach Hause gekommen und nun will ich für mich weiterhin gut sorgen. Das Erlebnis “Der afrikanische Spiegel” ist immer noch auf Sendung. Und die Ausstrahlung dieser Sendung, wer hat die in ihrer Macht? Drei Buchstaben.

Merci Afrique. Merci Mali. Merci Bamako. Merci Sousou, Maman, Suzette et Susanne.

Ich bin.

Das Tsch Tsch Tsch und Sch Sch Schschsch geht weiter, irgendwo in einem Land, in einem Dorf in einem Hof…

VIP – Very Important Person

Mittwoch, 13. August 2008

Der Flug um 22.55 war etwa 20 Minuten zu spät in Paris um 6. 50 gelandet. Ich hatte zuhinderst im Airbus 330 einen Fensterplatz.  Der Weiterflug ware per 7.30h geplant. Als ich endlich die Flugtreppe hinunterbalancierte, das Saiteninstrument mit Kürbishälfte in der einen Hand, entdeckte ich am Ende der Treppe einen Mann, der in seinen Händen ein Papier festhielt: In Computerschrift stand da mein Name drauf! Mme Ciervo. Das war doch ICH? Ja, ich war gemeint. Ich wurde flugs in einen kleinen komfortablen Bus geführt und dann genoss ich eine 25 minütige persönliche Begleitung bis wieder zum Bus der zum Flugzeug nach Zürich führen sollte. Türen und Abschrankungen wurden für mich von dieser Begleitperson geöffnet. In recht zackigem europäischem Tempo lief ich ihm nach. Die Hallen waren geborsten voll von Menschen und ich durfte einfach überall mit diesem Herrn durch. Ich wurde von unten nach oben und von oben nach unten beäugt. Niemand konnte wohl meine Wichtigkeit erkennen. Und doch musste man mir Platz machen. Hei das war vielleicht ein Erlebnis. Eine persönliche Eskorte für mich. Ich war also die Einzige im ganzen Flugzeug, die einen Weiterflug nach Zürich gebucht hatte. Und so war ich innerhalb von einer halben Stunde in meinem Cityjet der AirFrance und Zürich winkte mir zu. Ich war sogar 10 Minuten zu früh gelandet. Eine wunderwunderschöner Anflug, herrliches Wetter, wunderbarer Zürichsee, Fähre von Horgen nach Meilen und Sonntag. Obwohl ich in den letzten 2 Nächten wohl kaum mehr als insgesamt 7 Stunden geschlafen hatte, ging es mir recht gut.
Grüezi Zürich – Adieu oder au revoir Bamako.

Ramon musste noch ganz schnell das neu genähte Hemd probieren, bevor er sich gleich wieder für seine Ferien verabschiedete. Passte wunderprächtig.


Drei Stunden vor dem Abflug

Mittwoch, 13. August 2008

Für die Domestiken hatte ich einen kleinen Briefumschlag gebastelt. Je 2000 CFA, das dürften zirka fünf Schweizer Franken sein. Davor habe ich Madame Oury gefragt, ob das erlaubt sei. “Mais bien sûr, pourquoi pas, naturellement!” Die beiden Mädchen wussten anfangs gar nicht, was sie mit dem Papierumschlag anfangen sollten. Wegen solchem„Abfall” riefe ich sie doch nicht zu zweit in die Stube! Nach einigen Anweisungen und Zeigen, wie man das öffnen könnte, sahen sie das Geld. Die Augen purzelten fast aus ihren Augenhöhlen heraus. Sie hatten mächtig Freude.

Die Madame neben der Schule, die die Kartoffeln ins kalte Oel legt, war nicht erfreut, dass ich schon gehe, ich verabschiedete mich ein zweites Mal bei Amadou, meinem Strassenpère und ihr.  Er weinte, als ich ihm noch Kreide  und ein paar wenige Nähnadeln übergab. Im Atelier verschenkte ich auch Kreiden, Nähmaschinennadeln, Kugelschreiber, Nahttrenner.  Auch hier freuten sich alle, für alle war etwas weniges da. Es gab auch nochmals eine Runde Kekse. Ablaye wollte noch unbedingt meine Schere. Doch die musste er mir für 50 CFA abkaufen. Scheren und Messer werden bei uns nicht geschenkt. Das zerschneidet die Freundschaft, sagt man. Deswegen mussten sie alle drei bezahlen, was sie mit Freuden taten. Ich hatte meine Lieblingsscheren ihnen überlassen. Der Preis bleibt natürlich geheim. Für Alpha gab es zwei besondere Geschenke: Er hatte schon lange Gefallen an meinem USB-Stick, 4GB, Titan. Er wollte sich diesen schon langemal kaufen, 50Euro müsste er bezahlen. Als Single hat er ja keine Verpflichtungen und ich könnte mir vorstellen, dass er das tatsächlich zusammensparen könnte. Ich habe knapp sfr 20.-dafür bezahlt, es lohnte sich also wirklich, ihm dieses Geschenk zu machen. Und dazu kam noch mein Schweizer Taschenmesser, was auch er mit einem symbolischen Betrag bezahlen musste. Allerdings fand diese Übergabe mit samt Abschiedsbrief erst am Flughafen statt.

Ich beschloss am Nachmittag, dass ich mit den Jungs aus dem Atelier wenigstens einmal essen gehen wolle, um 19.00h war abgemacht. Am Nachmittag konnte ich das Gepäck bereits bei Air-France an einem speziellen Schalter in Bamako Stadt einchecken. Alpha natürlich immer dabei. Ich war also nur noch mit Handgepäck und Handtasche bestückt. Die Männer kamen eine halbe Stunde zu spät, dann war Verkehrsstau, so dass ich nach zehn Minuten Fahrt von weitem wieder meine Strasse wiedererkannte. Endlich endlich gelangten wir in ein Restaurant. Viele Bleichgesichter dort. Vermutlich steht dieses Restaurant im Reiseführer. Die Jungs assen zum erstenmal Hamburger und ich ein Käse-Omelett. Mein Protein-Haushalt brauchte was. Es war schon witzig. Ich Weisse mit vier stark pigmentierten Männern, die mich zum Flughafen begleiteten, dabei wollte ich eigentlich nur mit ihnen essen gehen.

Der Abschied von meiner Strasse war ganz speziell. Sie fuhren die Strasse hoch bis zur Schule und ich winkte zum Fenster hinaus: „Au revoir, au revoir, merci pour tout! Oben wurde das Auto um 180 Grad gewendet und nun konnte ich die andere Strassenseite mit meinem “au revoir” beschenken. Die ganze Strasse schien zu winken. Ein wonniges Gefühl. Plötzlich sah ich das erste Mal einen Kinderwagen eines europäischen Paares. Jetzt wurde mir klar, weshalb die Afrikanerinnen ihre Babies auf dem Rücken tragen, die Baby-Köpfe lebensbedrohend hin und herschaukelnd: Es gibt gar keine Strasse, wo ein Kinderwagen überhaupt fahren könnte. Es hat viel zu viele Löcher. Und wenn es regnet… keine Chance.

Nun sitzen wir also im Restaurant, der Mann am Check-in heute Nachmittag hatte mir 21.00h auf das Ticket geschrieben. Dann sollte ich am Flughafen sein. Das wäre in zehn Minuten gewesen. Wielange es zum Flughafen gehe? Zehn Minuten. Gut und schön, ich war beruhigt. Doch das war die Angabe von zehn afrikanischen  Minuten! Es stellte sich heraus: zwanzig europäische Minuten… ohne Regen. Und: der Kellner kam und kam nicht, damit wir bezahlen konnten. Und er kam immer noch nicht. Und es ward 21.10h und ich wusste eigentlich noch nichts von den afrikanischen zehn Minuten.

Wir kamen also afrikanisch richtig um 21.35h am Flughafen an. Dann begannen die Männer mich noch tausendfach zu fotografieren. Alpha hatte mir ein Instrument gebracht. Er meinte ich müsse meinem Sohn dringend ein Geschenk bringen, wenn ich schon kein Berimbau gefunden hätte. Ach so ein Schatz. Also fotografierten und fotografierten wir. Alle wollten ein Foto von mir und mit sich selbst darauf. Und plötzlich rief einer: Il faut aller, on a appelé votre vol! Schnell ergriff ich mein Gepäck und entschwand meinen roten Pass schwingend in der farbigen Menge der afrikanischen Fluggäste. Natürlich hatten wir uns vorher noch umarmt. Dann ging es relativ schnell, zum Glück war alles schon eingecheckt. Eine Wendeltreppe hoch mit der Bagage, eine Wendeltreppe runter mit der Bagage und schon war ich nach erneuten scharfen Gepäckkontrollen und Leibesvisitationen vor dem Bus, der uns zum Airbus bringen sollte. Das waren 15m Fahrt. Ich war also am richtigen Ort und überhaupt nicht zu spät. Das ist Afrika.

Der allerallerletzte Samstag

Mittwoch, 13. August 2008

Am Freitagabend ging ich am Samstagmorgen ins Bett. Das heisst, es wurde 3.00 Bamakozeit, als ich mich noch knallwach ins Bett legte. Ich hatte mein Gepäck sorgfältig gerichtet, alle Sachen sortiert, mir überlegt, wer was zum Abschied bekommen soll. Wohin kommen die 700 Trousses? Ich schrieb fünf Briefe. Einen für Mimi, für Madame Oury, Alpha, Kader, Ablaye… sie sollten die Briefe erst öffnen dürfen, wenn ich im Flugzeug sitze. Ich verteilte mein Restgeld in die Umschläge und reservierte noch eine Kleinigkeit an CFA für den Markt. Davon hab ich ja schon berichtet. Gut habe ich das alles noch in Ruhe gemacht, so konnte ich den Samstag noch richtig geniessen. Ich nahm mir Zeit, um mich bei meinem Schneiderfreund Amadou zu verabschieden. Er war so was wie mein Père auf der Strasse geworden. Seine qualifizierte Arbeit liess erahnen, dass er wohl nicht in Bamako gelernt hat. Und tatsächlich, er war zwei Jahre in Italien. Immer wieder besuchte ich für fünf Minuten sein Atelier, um seine neuen Arbeiten an Veston und Hosen zu bewundern.

Ich hab mir Zeit genommen nochmals bei Madame Oury zu sein. Sie hat nun Kopfkissenüberzug und ein Leintuch in Rosa und feinster Baumwolle mit Spitze von mir. Dazu ein Unterleintuch, auch Baumwolle. Sie war überglücklich, denn soviel Stoff am Stück bekommt man nur in Polyestergemischen. Dann habe ich alle meine Medikamente bei ihr gelassen, den Rest des Körperpuders, Parfüm, Klarsichtfolie für die Küche (wollte ich für ein Abformexperiment gebrauchen; wegen zu heiss, Sauna, liess ich diese Übung aus). Dann noch Kugelschreiber und Papier und Frottiertücher und dann natürlich der Brief. Auch Oury hatte mit derselben Idee einen Brief für mich bereit. Auch ich durfte ihn erst im Flugzeug lesen. Oury schenkte mir einen Anhänger, eine Halbkugel und dazu einen Ring. Nun, wenn ihr vom vorhergehenden Text gelernt habt, dannn wisst ihr, dass sie mir symbolisch ein Herz geschenkt hat. Der Abschied war herzlich, intim und mit viel Zeit. Noch Stunden vor dem offiziellen Abschied.

Dann sass ich eine ganze Weile im Atelier. Kader und Ablaye wollten ja eigentlich noch stricken und häkeln lernen. Ich kreuzte also mit entsprechendem Werkzeug dort auf. Die Lehrtochter Assedou, die uns amüsiert beobachtete nahm dann irgendwann einmal die Häkelnadel in die Hand und sie häkelte wie eine Maschine sämtliche Häkelmuster, die ich kenne. Und damit nicht genug, sie strickte auch wie eine Maschine. Die Schneider waren fast erbost, als sie das sahen. Warum nur hat das Mädchen nie von ihrem Können erzählt? Zärtliche Ohrfeigen landeten auf ihrem Gesicht. Es sieht so aus, als ob in diesem Atelier neue Kollektionen entworfen werden könnten. Wir setzen mal alle Hoffnungen auf die Lehrtochter. Sie hat dieses Handwerk bei den Nonnen gelernt. Jetzt scheint das Team vollkommen zu sein, um neues Design zu lancieren. Ich wünsche es ihnen. Dann ging es um die vier Hemden die ich bestellt hatte. Sie erklärten mir, dass sogar drei Schneider-Teilnehmer daran gearbeitet hätten, Ablaye, Kader und Ousman und sie wollten partout kein Geld dafür. Ich freute mich heimlich, dass ich ihnen bereits Geld in ihren Briefumschlag gesteckt hatte. So konnte ich ihr Geschenk besser annehmen und gleichzeitig hatten sie etwas Bares in der Hand. Dem dritten im Bunde, Monsieur Ousman hatte ich mein Übersetzungsbuch geschenkt. Er hatte an der Uni deutsch gelernt und teilweise tauschten wir deutsche Sätze miteinander aus. Also auch gut investiert. Vor 3 Wochen nämlich gab er mir schon einen Wink dazu:“ Ihr Buch ich gerne haben“.
Draussen hatten sich Ouryfitini und Mauwa ebenfalls in Handarbeit vertieft. Ihnen brachte ich noch das Halsketten nähen mit Satinbändern bei. Ich habe die Farbberatung aufgegeben. Hier wird die Zusammensetzung der Farben “marriage des couleurs” genannt. Ist das nicht ein wunderschöner Ausdruck? Rot, dunkelgrün und hellgrün, das hätte ich niemals im Leben miteinander verheiratet. Doch Das Endprodukt verrät: Afrika heiratet anders!

Ouryfitini, die jüngere, die Schlanke, die endlich auch mal zum Zug kam, denn ich hatte der Mauwa vor drei Wochen das Stricken beigebracht, fragte, ob sie denn auch noch ein Armband machen dürfe. Ja natürlich. Schnell waren die neuen Längen berechnet. Ich fragte dann, wo die Schwester Mauwa sei und Ouryfitini rollte die Augen und erklärte mir mit überzeugender Kraft ihre Abwesenheit. Auf die Frage, ob denn die Schwester Mauwa vielleicht auch ein Armband haben wollte antwortete Ouryfitini mit einem klaren: Non!

So sind Schwestern manchmal.

Bilder: Monsieur Amadou, mein Strassenpère, die drei Näher für die Hemden meiner vier Männer zu Hause und die Schwestern Mauwa und Ouryfitini, die Lehrtochter Assedou am Häkeln und Kader am Häkeln.

Die nährende Mutter

Mittwoch, 13. August 2008

Elli hatte diesen MEINEN letzten Freitagmorgen zu bestreiten. Ich war einfach nur noch zur Verzierung da. Abgemacht war, dass ich am Nachmittag noch ein bis zwei Stunden für Abschlusslektionen investiere, wir wollten den Arbeitsfluss möglichst konstant halten. Irgendwann tauchte Alain auf. Alain ist von der Côte Ivoire (Elfenbeinküste) und nennt sich Designer und Künstler. Er will sich hier bei Elli und Sophie in Entwurf, Zeichnen und Schnitt üben. Er winkte mir und behauptete, dass er von mir nochmals eine genaue Auskunft haben möchte. Dazu lotste er mich in den anderen Klassenraum, den mit den gelben Gitterwänden. Dann kam ein zweiter Teilnehmer und der wollte mich wieder im Theorieraum, man müsse was Dringendes mit mir besprechen.

Die Schlingel hatten aber nur getrickst. Meine Abwesenheit wurde genutzt, um alle Teilnehmer zu sammeln und um mir Adieu zu sagen. Kader, mein wunderbarer Übersetzer während der Schulzeit übernahm als erster die Rede. Sie hätten kein Geld, um mir was zu schenken, doch das was sie mir schenken möchten, käme von Herzen und sei von gleichem Wert. Dies war ein afrikanischer Fächer der beim Anfeuern von Kohle dienlich ist, zum Verscheuchen von Fliegen beim Mango essen und zum Luft zufächeln, bei solchen Temperaturen wie heute. Dann zeigte Alain auf die Wandtafel. Da war Packpapier zu sehen mit der Aufschrift: Suzanne merci pour tout. Alain wickelte das Paket vor mir auf und zum Vorschein kam ein wunderwunderschönes Bild auf einen festen Baumwollstoff gemalt. Dieser Anblick wird mich wohl bis in meine letzten Stunden meines Lebens begleiten. Alain begann: “Hier sehen wir sie, im Zentrum, die Mutter, die ihr Kind nährt, die Mutter, die für alles sorgt, ihre Kinder liebt und ihnen den Weg zeigen möchte. Suzanne hat uns alle genährt, genährt mit ihrem Wissen und wir waren für einen Monat bei ihr und durften von ihrem Wissen von ihrer Nahrung bekommen. Sie war unsere Mutter…”

Merci pour tout, sage ich, mit leiser vibrierender Stimme. Ganz ungewohnt.

Inzwischen war ich völlig in Emotionen und die Tränen rannen bereits. So unerwartet und so tiefgründig, so echt und so nah. Ich konnte es nicht glauben. Ich war fassungslos und alle Worte schwanden. Da stand ich, in meiner ganzen Berührtheit. So tief habe ich glaub noch nie eine Gruppe von Männern erlebt. Ich wagte kaum in die Runde zu schauen, alle Männer und die beiden Frauen sassen mit nassen Gesichtern und geröteten Augen in ihren Bänken. Ein unvergesslicher Moment.

Monsieur Jeconnîttout erklärte mir dann auch noch die Symbolik, die ich auf ein Minimum reduziert wiedergeben möchte. Leider weiss ich nicht mehr alles und ich hoffe, dass ich es möglichst wahrheitsgetreu wiedergeben kann.

Die Frau, also sie in der Mitte, bedeutet:
Die Frau ist im Zentrum der Gesellschaft und damit die Wichtigste, auch wenn das Gesetz ihr weniger Rechte gibt. Sie hat kein Gesicht, denn sie hat so viele Gesichter. Es ist rund und eigentlich so auch ihr Herz, vollkommen. (Es gibt Schmuckstücke, wie eine Halbkugel und das ist Symbol für das Herz). Jedes ihrer Gesichter ist wichtig, so wie der Mond sich auch in all seinen Facetten und in seinem Rhythmus zeigt. Die Frau hat eben ihre „Lune oder Luna“, sie hat eben ihre Laune oder wie angedeutet: ihren Mond.
Die drei waagrechten Striche rechts neben der Frau ist ein Symbol für das Männliche: Hoden, Penis, Eichel … sein primäres Geschlechtsorgan. Für das Weibliche sind vier Einheiten gedacht. Sie hat Eierstock, Vagina, Klitoris und das vierte: das Gebärende. Das hat der Mann nicht. Das wäre dann eben 3+(1+3)=7. Sieben steht also für das Kind direkt unter der Perlenkette. Das Kind hat keinen Körper, dieser verschmilzt mit dem Hintergrund. Ihre Halskette zählt je 5 Perlen, das zu einer sechsten grossen Perle zusammenkommt. Das ist eigentlich Mann und Frau zusammen, plus die Frucht die aus dieser Verbindung entsteht. Somit ist unter der Perlenkette, unter der Zahl 6, das Kind als siebentes Element zu erkennen. Links sind Symbole für Dualität zu entdecken. Die Zahl 5 ist rechts in schrägen Strichen zu finden, doch leider habe ich diese Symbolik vergessen. Ganz rechts unten im Bild ein Zick-Zack was soviel wie der „Weg“ bedeutet als Trinität, mal hoch mal runter, Tiefen und Höhen in einem Menschenleben,die Farben spielen auch noch eine Rolle. Der Fuss der Frau, geerdet, braucht nur vier Zehen, weil sie weiblich und mit Mutter Erde verbunden ist. Über ihr ein Energiebogen, unter ihr ein Energiebogen. Links Spermium das unterwegs zum Ganz werden ist. Wichtig die Handbewegung zur Erde zeigend und als Fisch zu erkennen. Aus ihren Händen kommt Nahrung.
Ob die Klasse ahnen konnte, welch unschätzbares Geschenk sie mir gemacht haben? Es gibt auch Gemeinschaftsfotos davon, die liegen jedoch noch auf dem Speicher-Chip von Elli oder Sophie in Bamako. Dazu kam noch ein irdenes Töpfchen für all die Schmuckstücke, die Frau , am besten aus Gold, bei sich tragen sollte. Es gibt hier sehr viel Goldvorkommen und die Frauen liessen vor allem früher ihr Gold in Schmuck verwandeln. Wenn es gebraucht wird, kann in Gold bezahlt werden. Die afrikanische Frau trägt also sozusagen ihre Bank immer bei sich.
Das Töpfchen hielt ich geöffnet vor die Klasse und sie sollten mir ihre Energien, ihre Wellen in diesen Topf senden. Schon einmal hatte ich eine Spontanlektion eingebaut mit Thema Frequenzen, Wellen, Radio, Antennen. Jede Frequenz hat eine Schwingung, das kann “101, 8″ oder “Liebe” oder “Vertrauen” sein. Wenn das Radio richtig eingestellt ist, kann es vom Sender, der Antenne empfangen. Reconnaître les ondes. Ich kann Vertrauen senden und empfangen. Nun nahmen wir uns etwa 30 Sekunden Zeit, um die afrikanischen Wellen in das Töpfchen zu senden, dann schnell verklebte ich den Deckel, um so die Energie der Klasse von Mali nach Hause zu tragen. Es war ein so heilsamer Moment.

Merci Afrika-Mali-Bamako- couturier et couturières

Pfahlbauerwebrahmen und Strickliesel

Mittwoch, 13. August 2008

An jenem Freitag, der mein letzter Arbeitstag sein sollte, beschäftigte ich mich nochmals damit, meinen tollen Webrahmen aus Holzästen fertig zu stellen. Ein ganz aussergewöhnliches Stück. Etwa 1,3 Meter hoch, ca 60cm breit. In Pfahlbauertechnik hatte ich die Äste zu einem Rechteck zusammengebunden. Es sollte ein stehender Rahmen oder hängender Webstuhl werden. Die Längsfäden waren schnell angeknüpft und mit Steinen beschwert. Jeder zweite Längs-bzw. Kettfaden wurde nach hinten gelegt. Dann habe ich an den Längsseiten je eine Astgabel fixiert. Auf diesen Astgabeln ruht quer liegend ein schlanker Ast und an diesem schlanken Ast ist jeder ungerade Kettfaden mit einer separaten Garnschlaufe fixiert. Leider habe ich kein Foto davon, hab es einfach total verschwitzt. Auf dem Fernsehbeitrag ist er dann sicher zu sehen. Dafür eine Foto aus dem Internet, die meinem Webstuhl sehr ähnlich ist: www. holzkircher.de

Und die grosse Strickliesel, auch die wurde nochmals auf Trab gebracht. Dazu hatte ich eine fast fertige Rolle Malerabdeckband zweckentfremdet. Ich stiess rundherum etwa 12 Nägel ein und fertig war das Anschauungsmaterial für Maschenware in der Industrie. Der daraus entstehende Schlauch ist wirklich toll geworden. Dafür ist Elli verantwortlich, sie beschäftigte sich sicher eine halbe Stunde mit dieser grossen Strickliesel und das Ergebnis ist einfach nur erfreulich. Danke Elli für deine Geduld.

Troisième age – das dritte Alter – Ich bin gemeint

Mittwoch, 13. August 2008

Gleich nach dem malischen Sänger und der Kakerlakengeschichte führte uns Alpha in den Tempel für Personen im „troisième age“. Ein Openair-Restaurant, in der Mitte eine riesige Tanzpiste, rundherum nette Tischchen mit Stühlen, teilweise in Pergola-Manier gedeckt. Immerhin kann es ja auch mal regnen hier. Es hatte noch sehr viele Plätze, also suchten wir die noch Besten aus. Aber: der waren reserviert. Reserviert ohne Täfelchen, ohne Hinweis. Also dann die nächste Sitzgelegenheit. Reserviert, sagt ein anderer Mann, von dem nicht klar ist, ob er zur Staff gehört oder nicht. Das selbe beim dritten Anlauf. Jeden Freitag kommen offenbar dieselben Leute auf denselben Platz an denselben Tisch. Und die dürfen dann nicht belegt werden. So waren wir genötigt, im Innenraum Platz zu nehmen, und hatten auch gute Aussicht auf die Tanzpiste und die Musikgruppe. Es wurde ausnehmend Rumba aufgespielt, oder Samba oder Salsa. Jedesmal ein Tanz, die Frauen wurden abgeholt , auf die Tanzfläche geführt und sie schwenkten ihre Hüften in grossen Wogen, so dass es eine Freude war. Während des Tanzes herrscht eisernes Schweigen und man schaut einander auch nicht gross an.
Das Zeichen zum nach Hause gehen, unterlag erneut meiner Entscheidung. Das stellte ich mit einem tiefen Seufzer fest. Es musste nur noch bezahlt werden. Alpha überprüfte die von Hand hingekritzelte Rechnung und entdeckte sofort, dass da ein Fanta zu viel draufstand. Das gab ziemlichen Klamauk. Da der Tisch vor uns von einem einzigen Menschen mit Fanta besetzt war und dieser uns zu Liebe umzog, blieb seine Rechnung an diesem unserem Tisch hängen. Der Kellner wollte, dass wir das vierte Getränk bezahlen sollten. Ich war empört. Der Kellner hatte Ängste, denn sein Chef hatte die Rechnung geschrieben, von Hand wie gesagt, und so musste er natürlich auch das richtig abgezählte Geld abgeben. Er erklärte uns seinen Engpass und dass er, der Kellner selbst, es bezahlen müsste, und ob nicht wir das für ihn tun könnten. “Ce n’est pas notre faute“, aber das zeigte keine Wirkung. Wir durften uns auch nicht auf die Plätze setzen, die alle angeblich schon reserviert waren… Schliesslich ging Alpha selbst zur Kasse und nach langen zehn Minuten folgte ich ihm. Er hat es geschafft, nur drei Getränke zu zahlen. Was dem armen Kellner geschah, das kann ich nicht sagen. Hat mein Geiz mich übermannt? Es ging mir um ein Prinzip. Zuerst bekomme ich nicht den gewünschten Platz, da soll ich auch noch die Fanta von dem anderen bezahlen? Mein Ego liess nicht zu, dass ich 1000 CFA herausrückte. 2.50, für mich ein Klacks, irgendwie, für ihn vermutlich ein Halbtageslohn. Immerhin war das der Betrag für zwei Stunden im Internet, sogar für 4 Stunden in einem andern Cybercafé, mit Klima-Anlage.

Ja, kleinlich, kleinlich, ich wusste nicht, ob das ein fauler Trick für Weisshäute war. So eine handgeschriebene Quittung… lässt Raum für Projektionen und als Pestalozzi wollte ich mich nicht outen. Das sind immer wieder herausfordernde Situationen. Susanne auf dem Egotrip. Wenn man nicht drin ist, sieht von aussen alles so einfach aus. Sorry, lieber Kellner.

Auftritt im Malischen Fernsehen

Mittwoch, 13. August 2008

Schon vor einer Woche hatte Mimi angekündigt, „la Tele“, das Fernsehen würde kommen. Doch ich war schon afrikanisch eingelullt und dachte mir: “Ja ja, ist schon ok.” Hier ist jeder ganz schnell Präsident von irgendwas oder Directeur oder Chef, da wird doch wieder mal hochgestapelt. Und ausserdem, es war schon Freitag, mein letzter Arbeitstag. Die Hoffnung war gross, dass es dann Elli und Sophie betraf, nicht mich. Sie kämen aber nur, wenn es nicht regne, hiess es. So hoffte ich auf Regen, dennoch erwischte ich mich, wie ich heute spezieller in den Spiegel schaute, doch noch mal die Kleider wechselte und halt doch noch mal die Lippen mit meinem üblichen Lippenstift nachzog. Die Frisur wurde nochmals kontrolliert… Ein bisschen Spray. Es sollte doch regnen heute… was soll ich nur sagen, und dann mit meinem Französisch, wie schrecklich! Allerdings möchte ich hier mal meinem Französisch-Lehrer Hanspeter Debrunner danke sagen. Er hat es geschafft, mir in drei Jahren soviel Französisch beizubringen, dass einige Menschen sogar glaubten, ich sei Canadierin, wegen dem Akzent. Ein wirklich schmeichelndes Kompliment. Natürlich fehlte der Subjonctiv und viele andere Zeitformen und Konjugationen, die vergessen gingen. Doch ich habe 4 Wochen lang 15 Malier unterrichtet, immerhin. Gelernt ist gelernt. Auch wenn diese Zeit 32 Jahre zurückliegt. Das Hirn ist einfach genial mit extremer Speicherkapazität.

Und sie kamen doch. “La Tele”. Dieser Freitag war total speziell, denn am Morgen schon hatte ich mich in Emotionen aufgelöst, davon berichte ich noch später. Einem ewig Zigaretten rauchenden, sehr scheuen Teilnehmer versprach ich einmal in der ersten Woche, dass ich am letzten Tag mit ihm zusammen eine rauchen würde. Dies geschah, allerdings zum grossen Entsetzen aller Teilnehmer. Sie hatten Angst, dass jetzt auch ich dranhängen bleiben würde, sie hatten das in Filmen gesehen. Dann waren ich und Sophie rasch für zwei Stunden bei Aminata und Tina in der „Schweizer Schule“, holperdipolter, dann konnte Alpha wegen uns nicht beten, weil die Zeit überzogen war, und es war Freitag, der Sonntag der Moslem, und dann kamen auch noch vier Herren in die Schule, wiedermal mit wundervoll klingenden Titeln ausgerüstet und die wollten meinen Unterricht sehen. Ich hatte zum Abschluss eine kleine Prüfung mit Multiple-choice ausgeheckt und eine Vorführung meiner Mini-Rundstrickmaschine und meines mittelalterlichen Webstuhls geplant. Die versammelten illustren Gäste immer noch im Raum und sie lauschten nicht nur meinem Französisch.

Und diese famösen Herren widerum gaben dann gleich dem anschliessend eintreffendem Fernsehteam die Hand. 45 Minuten vor Schulschluss, tatsächlich. So musste ich nach meinem Unterricht nochmals so tun, wie wenn ich unterrichten würde, die Teilnehmer mussten so tun, wie wenn sie zuhören würden. Dann mussten alle noch einen Raumwechsel übersich ergehen lassen, alle Stoffreste wurden nochmals ausgepackt und ich musste nochmals alles geben. Der Schweiss rann mir am ganzen Körper herab. Dann noch dazu die Flutlichter… all das war gar nicht gestellt… Mein Webstuhl wurde aufgenommen und ich wurde intervieuwt. Äheevemm, ich war so was von nervös, das wünsch ich euch nicht wirklich. Und dann habe ich das Bambarafranzösisch des Journalisten nicht verstanden… Mimi beruhigte mich: “Ich werde den Film selbst zusammenschneiden, ich werde nichts drin lassen, was nicht gut wäre.” So war ich wieder beruhigt. Nun erkannte ich auch, dass dieser TV-Auftritt von ihr bezahlt werden musste, denn schliesslich war es im Grund genommen Eigenwerbung für ihr Zentrum. So überlebte ich also auch diesen Tag, nicht ohne erneutes Weinen, vor allem mit den beiden Frauen.

Hier folgt nochmals eine Reihe von Bildern der Schule. Das eine “Zimmer” hat gelbe Gitter statt Wand. Monsieur Mmmh, der Nasenbohrer mit Velo, Kadidia aus Mopti, sie hat so geschluchzt.