Am Anfang stand ein Time-out-Bedürfnis
8. Juli 2008Ich packe. Ich packe was Neues an. Ich packe was Neues ein.
Für alle Menschen, die Bamakos Schneiderschule virtuell miterleben möchten, habe ich mir gedacht, einen Blog zu machen. Blog, ein modernes Wort, nicht von mir erfunden. Sandro hat mir diesen Blog eingerichtet. Na ja, jedenfalls sollte ich auf diese Weise von meinen jungfräulichen, afrikanischen Erfahrungen live berichten können und gleichzeitig sollte ich sogar Fotos uploaden können. Ziemlich sicher lerne ich nun, wie man einen Blog beschreibt. Das Vermitteln meines vor vielen Jahren erlernten Berufes der Damenschneiderin scheint mir doch wesentlich einfacher…
Was ist denn nun los?
Und waaaas?
Werdet ihr euch fragen, Susanne in Afrika…
… ist die noch ganz gebacken? Eine Zeitlang war ich wirklich nicht ganz gebacken… deshalb entschied ich mich, einen Tapetenwechsel zu veranlassen, denn ich kam eine Zeit lang an einen Punkt, da wusste ich nicht, wie tief dieser noch unter die x-Achse sinken könnte. So wollte ich Haus und Familie einfach mal von meinem Gegeifer befreien, schliesslich hat auch die Familie das Recht auf Freiheit ohne Tyrannin… mindestens kam ich mir in Schule und zu Hause so vor. Ich war nur noch giftig, ätzend und konnte nicht mehr gut schlafen. Hatte dann auch keine Kraft mehr morgens aufzustehen.
Nun, dieses Time-out durfte natürlich nichts kosten, und so kam ich eines Tages durch meine liebe Handarbeitskollegin Christine auf die Idee, mich bei der Stiftung swiss-contact zu melden. Eigentlich für Pensionierte gedacht. Christine geht anfangs August nach Benin. Ich gab bei Swisscontact mein berufliches Profil bekannt und so vernahm ich vor ca 11 Tagen, dass ich in Bamako mit meinen Erfahrungen aus der Schneiderei sehr erwünscht sei. Innert kürzester Zeit, nämlich: innert zwei Stunden, war ich durchgeimpft, das war am Freitag den 27. Juni. Für das Visa musste die Gelbfieberimpfung vorgewiesen werden können. Und: Diese Impfung musste 10 Tage vor Reisebeginn sein. Ich hatte an jenem Tag die erste Hürde geschafft, recht abenteuerlich, aber geschafft. Ich sagte einfach blindlings: Ja, Bamako, ich komme.
Jetzt sind es noch 3 Tage und am 12. Juli soll mein Flugzeug abheben. Paris-Bamako. Inzwischen habe ich 25kg Stoffmüsterchen geschenkt bekommen, nur 7kg davon werde ich mitnehmen, den Rest schenke ich dann meiner Schule, und eine Büste, habe Schneiderzubehör bestellt und Fachbücher organisiert. Das flippige an diesen Lehrmitteln: In der Schweiz waren sie in Französisch und in Deutsch zu bekommen. Danke dir, liebe Schweiz für deine Vielsprachigkeit.
Was anziehen, was mitnehmen, was vorbereiten? Diese Fragen beschäftigten mich und ich stellte fest: Hey Susanne, du kannst mit praktisch leeren Koffern da ankommen, alles was du brauchst bist du selbst, alles ist in dir. Niemand kann dir dein Wissen nehmen. Man kann mir den Compi wegnehmen, die Schokolade und das Haus, aber das was ich weiss, ist einfach meins. Gelernt ist gelernt. Auch diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass ich meinen innersten Kern wieder fand und nun viel lebendiger als noch vor 2 Wochen durch die Welt gehe. So viele Geschenke bekam ich. Alles kam mir entgegen, so viele Menschen hatten Ideen, wie ich zu diesem oder jenem kommen könnte.
Es wurde also alles für mich eingefädelt, Flug, Visa, Transfer, Unterkunft… und ich brauchte nichts dafür zu zahlen. Endlich kann ich mal was tun, was keinem erwarteten Profil entsprechen muss. Ich kann mich einfach anzapfen. Da wohnt noch jemand in mir. Nicht nur mein Ego. Eine andere Kraft? Ein Ich.
Brauche kein Papier und keinen Bleistift. Diese Erkenntnis tut mir so gut. Sogar mein Französisch konnte ich wieder abrufen, ist das nicht wunderbar? Ich werde nun in Bamako mit 5 Schneiderlehrern besprechen, wie sie ihre Schüler betreuen und lehren können, wie sie Schneiderei an ihre 15- bis 25-jährigen jungen Menschen weitervermitteln können, und wie sie als Couturiers auf einem internationalen Markt bestehen könnten.
Nun denn, so sei es, ich werde kommen und sehen, in welcher Form ich in dieses Konzept passe. Die Directrice, Aminata Konaté ist bereits bekannt als afrikanische Designerin.
Ich sehe ein, dass mein Starttext gar lange geraten ist, in Zukunft werde ich mich für kürzere Texte einsetzen, was nicht als Garantie aufgefasst werden kann. Ihr habt ja sicher auch anderes zu tun, als Blogs bis in alle Ewigkeiten zu lesen.
Um 13.15 hebe ich am Samstag ab, falls das Universum alles pünktlich für mich einrichten möchte. Andernfalls werde ich wohl mit den Themen Geduld und Vertrauen konfrontiert.
Ich sage euch allen mal Tschüss bis zu meinem nächsten Bericht. Erste Schritte nach einer Zeit im Tal der Dunkelheit habe ich bereits getan. Meine Schulpflegepräsidentin schrieb mir folgendes Zitat:
Das Reisen führt zu uns zurück (Albert Camus)
Eure Susanne



10. Juli, 2008 at 02:33
Hi liebe Sus,
gute idee diesen Blog, somit können wir dann jeden Tag, wenn nicht persöhnlich dann aber dafür seelisch, mit Dir sein,
Danke für diese Möglichkeit natürlich ein grosses Danke geht auch an Sandro mit meine besten Gratulazionen für die Lehrabschlussprüfung.
Toj toj toj an beide von Herzen
Gruss un Kuss
Silvana
10. Juli, 2008 at 11:47
liebe susanne. so erfahre von blog, dass du wieder auf reisen gehst. du bist schon wirklich eine tolle und mutige frau. und ich bin mir sicher, afrika profitiert von dir und deinem wissen ungemein. alles gute und lass recht viel von dir hören. umarmung und küsse von susan aus linz.
12. Juli, 2008 at 10:56
Liebi Susanne
Hüt reisisch also ab i die wiiti Welt. Wünsch dier vo Herze guets Aachoo und e gueti Begegnig mit dim “ICH”. Freu mich für dich, dass du de Weg gahsch – ine ganz neui Erfahrigswelt, wo dich sicher beiidruckt (nit wie d Brüst vo de Büste) aber dich tief berüehrt. Bi vor öpe 23 Jahr mal 3 Mönet au in Afrika gsi – bi heicho und ha mis dihei total umkremplet. Mach di also gfasst. Denk a dich (Super Idee mit dem Blog).
Agnes
15. August, 2008 at 13:54
Hoi Susanne – Bin total begeistert von Deinem Blog. Du schreibst so lebendig, farbig, fröhlich. Im Lesen habe ich dich sehr stark gespürt, wie wenn du alles garade selber erzählst. Habe Dich total bewundert dass Du einfach so “Uf und dervo”. Aber erstaunt hat es mich nicht, Du kanst sowas!! Ist es nicht spannend in der Lebensmitte solche Erfahrungen zu machen, so ein Geschenk zu bekommen. Was steckt doch alles in uns!! Susanne du bist einfach eine “Bombefrau”, nicht vom Gewicht sondern von Deinem Wesen und ich hoffe ganz fest Dich bald wieder persönlich zu treffen. Eine Reise zu Dir wäre es mir wert oder Du mal ins Berner Oberland.
Wir sind hier ja so einige die Dich kennen.
Lass Dich ganz herzlich umarmen. Renate
22. Januar, 2010 at 13:53
[...] Danke für deine Kommentare, falls du direkt einschreiben willst. Meinen aller-aller-ersten Eintrag findest du übrigens hier [...]