Archiv für Juli 2008

Fremde schreiben mir

Mittwoch, 30. Juli 2008

Liebe Leute die ihr mir geschrieben habt. Tausend Dank. Es tut einem hier gut zu hören, dass ihr Lösungen sehen könnt. Ich bin irgendwie so absorbiert mit Arbeit und Vorbereiten, ich kann mich einfach nicht darum kümmern. Die Bücher liegen im Propagandaverlag in Zürich. Das ist der Lehrmittelverlag an und für sich. Ein Manuel “Materialkunde” kostet 53.- sfr., das für die Systemschnitte, ich bin nicht mehr ganz sicher: 34.-. Das ist auch ordentliches Gewicht. Bei einem Tageslohn von vielleicht 2 Franken… die Transportkosten werden bei ca 150 Euro liegen. Und Mimi sagt, dass die Post hier eine unsichere Sache sei. Es werde einfach geklaut.

So lasse ich mir Zeit mit dieser Büchergeschichte. Vielleicht fliegt ja mal jemand nach Bamako und kann das alles als Fluggepäck mitnehmen. MIr fehlen Zeit und Gedankenblitze, bin viel zu stark nun auf meine Studenten konzentriert. Es tut mir vor allem gut zu hören, dass euch mein Blog gefällt. Das war natürlich nur durch die Hilfe meiner Söhne möglich.

Die Hochzeit der Tutortochter

Mittwoch, 30. Juli 2008

Diese Fotos stammen nicht von dieser Hochzeit sondern von einer Hochzeit gleich vor meiner Tür. Also wildfremde. Einfach spannend, dass man mit total schönem Outfit, wahnsinniger Frisur, lackierten Nägeln zu dritt auf einem Töff fahren kann.

Um es gleich am Anfang auszupacken: Die Tochter des Tutors hat man – durfte Mann den ganzen Tag lang nicht sehen.

Die war in ihrem Hochzeitszimmer mit ihren Frauen zusammen und wurde in den Akt der Liebe eingewiesen. Wobei dies nur noch so gemeint ist, jedoch nicht mehr stimmt. Mimi sagte mir, dass heute die jungen Menschen bereits mit 16 ihre ersten sexuellen Erfahrungen haben und wohl kaum noch eine Frau als Vergine in die Ehe geht. Damals durfte der Ehemann sie erst am Abend besuchen, dann wurde die Jungfräulichkeit bewiesen per Blutfleck. anschliessend darf sie den Mann eine Woche lang wieder nicht sehen, sie bleibt unter einem Schleier. Nur eine Frau darf sie besuchen um ihr Essen zu bringen und für die Notdurft zu sorgen. Die ganze Woche wird sie dann in den sexuellen Akt eingewiesen und wohl alles was sonst noch so dazugehört. Heute sei das nicht mehr so streng. Heute dürfen mehrere Frauen in ihr Zimmer und der Schleier ist wohl nicht mehr so dick… viel mehr konnte ich mir nicht behalten. Mein Französisch reicht besser für Franzosen, dieses Bambara-Französisch ist schon noch gewöhnungsbedürftig.

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Monsieur Jeconnaîttout

Mittwoch, 30. Juli 2008

Erinnere dich, ich schrieb mal von einem Grossmaul, der zum Glück nicht mehr erschien. Gestern ist der Herr wiedergekommen…

Da ich seinen Namen immer wieder vergesse habe ich ihn Monsieur “Je connaît tout”getauft. Das heisst so viel wie: Herr Ichweissalles. M. Jeconnaittout hat die Universität besucht. Das war sein zweiter Satz, als er sich mir vorstellte. Und er weiss offenbar alles. Er ist hergekommen, um zu erfahren, wie man die Lernziele den Schülern vermitteln könnte. Er bezieht sich extrem stark auf das ausgeschriebene Programm und er ist sich gewohnt die Leute herumzukommandieren. Seltsamerweise funktionieren die anderen nach seiner Pfeife. Fehlte gerade noch, dass sie einen Bückling machen. Na ja, jedenfalls habe ich dem Herrn schon ein paar mal auf den Puls fühlen können. Er schwingt wie unsere Boulevard-Zeitung mit fetten Lettern und dahinter ist eigentlich nix. Höchstens eine Fliege mit schwachem Flügel. Jedenfalls wollte er seine Präsentation noch nicht präsentieren, weil er noch ein Präpp comme il faut machen wollte. Da habe ich entschieden: oh eine wunderbare Idee, wenn die Klasse nichts dagegen hat, dann warten wir gerne bis morgen und ich gebe ihnen die doppelte Zeit um sich vorzubereiten. Jetzt bin ich gespannt, was morgen läuft. Kann sogar sein, dass er seinem Partner den Auftrag gegeben hat alles zu machen, damit er ihn nachher klein machen kann. Denn von Chemie versteht er etwas, das habe ich begriffen, schliesslich habe ich eine Matura in der Tasche …mpfffffff

Die Lektion war hammerstark. Und ich hab ihm den Bauch bis zu den Ohren hin gepinselt, das sollte nun für eine Zeit lang reichen. Echt ganz ehrlich, es war genial heute morgen. Wie man und frau sich doch von Vorstellungen nähren kann.


Bücher gewünscht

Montag, 28. Juli 2008

Heute ging eine riesige Diskussion los wegen der Lehrmittel, die ich dabei habe. Man zerpflückt sich den Kopf, wie man zu diesen Büchern kommen könnte. Kopien kosten hier gleich viel wie in der Schweiz, also hammerteuer für diese Menschen hier. Wie schaffe ich es, dass diese wissbegierigen Menschen hier zu zwei wirklich supertollen Büchern kommen können? Sie wollen morgen einen Brief an Herrn Ibrahim Maiga schicken, er ist ein wichtiger Mann bei swisscontact in Mali. Bin gespannt, was der Himmel für sie einrichtet. Könnte ich doch einfach ein paar Bücher herschicken lassen. Im einen geht es um Schnitte, im andern um Materialkunde. Auch die 23 kg Stoffreste, die ich noch zu Hause habe… Wie bringe ich die nach Bamako? Für mich haben sie keinen Wert und für die Schneiderzentren hier wäre es unglaublich wichtig. Fast mit Tränen in den Augen fassen sie immer wieder meine ausgemusterten Muster an. Dank an Herrn Weigold der Firma Bolli in Winterthur.

Es wird geheiratet

Montag, 28. Juli 2008

Nun bin ich schon so lange wach. Madame hatte mir gesagt, die Hochzeit sei vielleicht um 10.00, Mimi komme mich sicher holen. Die Enkelin erklärte mir um 10.30 es sei am Mittag. Nun ist 20 Minuten vor Zwei Uhr und man spürt kaum etwas auf dem Hof. Ein paar der Mädchen hatten sich schon mal hübsch gemacht. Madame habe ich noch gar nicht gesehen. Sicher es sind immer wieder mal fremde Leute erschienen, doch was heisst das schon hier am Hof. Inzwischen habe ich meinen Reis gegessen, meine crème fraiche als Proteinersatz, die kleine Maam, sie heisst in Wirklichkeit Mariam, liegt bei mir auf dem Bett und schläft. Auch ich hatte ein Nickerchen gemacht und den Wecker vorsichtshalber auf 35 Minuten Countdown gestellt. Erschrocken erwachte ich, hatte das Gefühl Stunden geschlafen zu haben. Doch nichts regt sich im Hof. Ob ich noch dahinkomme? Sind sie schon gegangen ohne mich? In der ganzen Stadt wird wie verrückt geheiratet. Alle 10 Minuten hört man das Gehupe eines Konvois. Jedesmal habe ich das Gefühl, es gehe nun los.

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Der afrikanische Spiegel

Montag, 28. Juli 2008

Die Frauen, wie auch die Männer geben viel auf hübsche Kleidung. Nicht selten trifft man Männer an die in hellgelben oder lindengrünem Spitzenstoff durch die Gegend laufen. Vor allem Freitag, denn das ist ihr Sonntag. Doch davon hatte ich schon mal berichtet. Die Frauen tragen Kleider in unterschiedlichsten Facetten. Vom klassischen Boubou, die bis zur Kleidergrösse 70 passt bis zu den europäisch angehauchten Kleidern. Die Stoffe sind knallfarbig und haben die verrücktesten Motive drauf. Das kann ein Handy sein, oder TV oder einfach die Form ihres Kontinentes. Könnt ihr euch vorstellen einen Stoff zu kaufen wo Europa 10-mal drauf gedruckt ist? Es fehlt nie an Glitzer und oft sind Perlen mit dabei. Die Stickereien sind einfach unschlagbar und wirklich oft sehr kunstvoll gemacht. Habe noch kaum was Kitschiges gesehen. Sie haben ein Gefühl für Formen und Linien, Asymmetrien und Kontraste, das kann man in keiner Schule lernen. Behaupte ich mal. Und wie es sich zu Frauen gehört, spielt der Spiegel eine wichtige Rolle. Man schminkt sich, obwohl ich gar nicht sehen kann, dass Farbe aufgetragen wurde. Der Spiegel in meinem Bad ist recht gross im Verhältnis und ich stelle jeden Tag genüsslich fest, dass afrikanische Spiegel wohl Zauberspiegel sind, denn ich sehe mich mit jedem Tag lieber darin und ich finde, irgendwas strahlt dieser Spiegel aus, das mir selbst neu ist und mir recht grosse Genugtuung gibt. Ich war noch selten so zufrieden mit meinem Spiegelbild, ich glaub ich muss den mit nach Hause nehmen.

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Anstand und Papier: Besinnliches am Sonntag

Montag, 28. Juli 2008

Bin schon seit einer Stunde wach und jetzt ist es sechs Uhr morgens. Die ersten seltenen Huper sind zu hören, ja sogar einen Hahn erkenne ich, er schreit alle drei Minuten und regelmässig. Gut die Tiere noch keine Fremdsprachen.

Seit gestern habe ich das Gefühl, meine Seele sei hier angekommen. Offenbar ist sie nicht so schnell wie das Flugzeug und ich frage mich erneut, was ich hier mache. Ist das nicht alles verrückt? Eben ver-rückt? Da sitze ich hier in einem Land von dessen Name ich vor vier Wochen nicht mal wusste wo es liegt. Mali, ok, wo ist das? Afrika? Aha. Und wo? Eher westlich. Ach so. Nicht Bali? Nein, das ist nicht dasselbe. So liege ich wach und schaue mir meine Zeit seit Anfangs Jahr an. Mein Studium, mein Matura-Abschluss, ich habe Freude an diesem Studium gehabt und gleichzeitig liess ich mich auffressen davon. Das Studium abzubrechen war einerseits eine Hilfe, um wieder zum Atmen zu kommen und unwissentlich schnitt ich meine Ressourcen ab. Dann wusste ich nicht mehr, wofür ich jeden Tag aufstand.

Nun stehe ich hier auf, um in einen Raum zu laufen, wo mir durchschnittlich 12-15 Menschen zuhören und alles haben möchten, was ich weiss. Ich erkenne hier die Mängel verglichen mit unserer sauberen Schweiz. Und doch schwillt ständig immer wieder die eine Frage an: Ist es richtig, den Menschen hier zu zeigen, was wir alles haben? Gute Scheren, einwandfreie Nähmaschinen, immer Strom, Internet im Zimmer, feinste Nähnadeln und Stecknadeln, hohe Qualität an Fäden, Tische mit vier gleich langen Beinen, Steckdosen mannigfach in jedem Zimmer, warmes und kaltes Wasser mit gleichem Druck. Wir brauchen keine Fächer um das Feuer für die Nahrung anzufachen und wir haben für alles: Papier. Papier, das Thema ernannte ich schon einmal, als ich in Indien unterwegs war…

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schöne Gäste auf dem Töff

Samstag, 26. Juli 2008

letzte Woche war schon Hochzeit auf “meiner Strasse”. Ich staunte nur. Morgen gibts sicher noch mehr Fotos. Doch dies war wirklich eine spezielle Aufnahme.

Für diese Hochzeit letzte Woche wurde einfach ein Zelt mitten auf der Strasse aufgestellt. Ein paar sehr elegante Damen liessen sich gerne chauffieren. Man braucht keine Gesuche für Strassensperren.

Aufspulen des Unterfadens und Kohle

Samstag, 26. Juli 2008

Hier recht exemplarisch gezeigt: das Aufspulen des Unterfadens. Mann ist erfinderisch. Denn die elektrischen Maschinen nützen hier nicht allzuviel, zu oft steigt die Elektrizität aus. Vor allem wenns regnet. Heute übrigens, habe ich meinen Knirps zum erstenmal gebraucht.

Ich war weit und breit die einzige mit Regenschirm… eine Sensation.

Kohle ist überlebenswichtig hier. Nicht das Geld meine ich, ich meine echt Kohle. Der Ventilator hilft beim Anheizen.  Falls die breiten Fächer nicht zum Verscheuchen der Fliegen auf meinen Mangos gebraucht werden, werden diese üblicherweise zum Anheizen gebraucht, auch überlebenswichtig. Ob die Redewendung ich hab keine Kohle aus diesem Gebrauch heraus kommt? Das würde hier heissen: Ich kann nichts Warmes essen, nur kalt und bei diesen Bakterien im Wasser könnte das auch der Tod sein. Oft wird die Kohle beim Nachbarn geholt, so spart man sich die Zündhölzer. Ein Ofen brennt immer irgendwo.

Auf dem Foto kann man den Gardien knapp sehen.

In der Schule

Samstag, 26. Juli 2008

Nun einige Aufnahmen aus der Schule, nochmals Monsieur Mmmmh wäscht sich die Füsse vor dem Beten. Mimi kommt gerade herein. Und wir haben endlich ein Bügelbrett. Alpha hat eines Bügelbrett organisiert. Bei uns würde dies nicht einmal der Werkhof gratis abgeben. Schnell wurde es neu überzogen und alle freuten sich um die Wette. Alpha einmal im hellblauen T-Shirt rechts.